Von Erika Martens

Die Erleichterung ist allen anzusehen. Es ist geschafft. Der Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche ist vorbei. Georg Leber streckt die Hand aus: "Hans, ich war ein unbequemer Schlichter. Aber ihr habt ja gewußt, wen ihr euch ins Haus holt." Der Chef der IG Metall, Hans Mayr, nickt: "Ja, Schorsch, das haben wir gewußt."

Eitel Freude hat Lebers Kompromiß auch bei den Arbeitgebern nicht aufkommen lassen. Ein Beweis dafür, wie salomonisch sein Spruch ist: Weder die Unternehmerseite noch die Gewerkschaft kann sich als Sieger feiern lassen, ebensowenig freilich muß sich einer von beiden als Verlierer fühlen. "Die IG Metall hat ideologisch gewonnen, wir ökonomisch", sagt ein Arbeitgebervertreter.

An der Basis indes – im Lager der Unternehmer ebenso wie bei der IG Metall – gibt es ob des salomonischen Spruches Ärger. Bei der Urabstimmung in Nordwürttemberg/Nordbaden ließen viele Mitglieder ihrer tiefen Enttäuschung freien Lauf. "Meine Stimme kriegen die nicht", sagt ein Arbeiter der Kühlerfabrik Behr in Stuttgart-Feuerbach trotzig. Und sein Kollege nickt. "Die hab’n uns doch verkauft", ergänzt er bitter.

Die Stimmung bei den Beschäftigten des Daimler-Werkes in Sindelfingen war nicht besser. Bei einer Streikversammlung am Donnerstagmorgen begrüßten die Kollegen ihren Gewerkschaftsfunktionär Bruno Nickel minutenlang mit unmißverständlichem Zorn. "Scheiße, Scheiße, Scheiße", skandierten sie und "Niederlage, Niederlage".

Zur selben Zeit debattierte im Ludwigsburger Ratskeller die Große Tarifkommission der IG Metall über den Leber-Plan. Mit 87 zu 31 Stimmen billigten die Vertreter der Basis am Ende einer rund fünfstündigen Debatte schließlich den Einigungsvorschlag. Kein glänzendes Ergebnis, aber immerhin: Die IG-Metall-Führung hatte die erste Schlacht gewonnen.

Am Abend zuvor mußten die Funktionäre allerdings vor empörten Mitgliedern kapitulieren. Im Stuttgarter Gewerkschaftshaus, wo die Sitzung der Tarifkommission stattfinden sollte, war es gar nicht erst zur Aussprache über den Leber-Plan gekommen. Enttäuschte Kollegen aus mehreren Streikbetrieben störten den Bericht des IG-Metall-Bezirksleiters Ernst Eisenmann mit Pfiffen und Buhrufen derart, daß er die Sitzung entnervt unterbrach.