Von Hans-Joachim Müller

In den Städten und über die Dörfer: eine graugelbrote Plakatspur kreuz und quer und mitten durch das Land. Von Flensburg bis Konstanz, von Bocholt nach Berlin. Überall die gleichen Markierungen: "Kunstlandschaft Bundesrepublik". (Lauter Andenken an den verblichenen Stolz vermögenderer Jahre: "Hier baut die Bundesrepublik Deutschland...") Das jetzt annoncierte Fernstraßensystem verbindet 48 deutsche Kunstvereine in 46 deutschen Städten, portioniert 396 deutsche Künstler aus 10 deutschen Kunstregionen. Was ist das für eine vaterländische Kunsttopographie?

Die erste überhaupt. Zumindest seit jenem vorrepublikanischen Brauch, die Kunstgeschichte Gauen, Stämmen und Landsmannschaften zuzuschlagen. Mit ihm will die neue Vermessungsarbeit selbstverständlich nichts zu tun haben. Den Verdacht patriotischer Hybris weisen die Veranstalter weit von sich. Ihre Vernetzungsaktion sei nicht mehr als die Tugend aus der Not. Vor drei Jahren hatten die meisten Kunstvereine zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengefunden, die sich wirkungsvoll in den härter gewordenen Verteilkampf einmischen soll. Unter dem Druck rigiden öffentlichen Sparens und akuter Bedrohung der oft kümmerlichen Kunstvereinbudgets eine politisch zweifellos wichtige Entscheidung. Vor allen Forderungen aber sollte einmal die beweiskräftige gemeinsame Anstrengung stehen, eine Demonstration als kulturelle Leistungsträger der Nation. So wuchs das Projekt "Kunstlandschaft Bundesrepublik".

Der Planungsgigant verlangte generalsstabsmäßige Umsicht. Ein erster Arbeitsschritt galt der Beschaffung von verläßlichem Datenmaterial. Die Kartographen zeichneten eine Fundstellenliste deutscher Kunstvereine, entdeckten dabei ungesunde Massierungen und Besorgnis weckende Unterversorgungen. Weiße Flecken in Kaiserslautern, Pirmasens, Mainz und Trier! Die Bundeskunstrepublik ohne geschlossenen Westwall? Schon ist aus dem kunstvereinslosen Saarbrücken zu hören, daß das Versäumnis schleunigst nachgeholt werden soll. Zu spät. Saarland und Rheinland-Pfalz kommen in der "Kunstlandschaft Bundesrepublik" nicht vor!

Wo keine Kunstvereine aufzuspüren sind, wird wohl auch künstlerisch nichts geboten werden, Die restlichen Himmelsrichtungen und vor allem das füllig besetzte Zentrum des Landes machen die strategischen Lücken ohnehin wett. Die Provinz braucht sich dabei hinter den paar namhaften Kunststädten nicht zu verstecken. Kunstvereine in Wesel, Neuenkirchen und Wolfenbüttel. Kunstvereine in Pforzheim, Böblingen und Heidenheim. Und, Hand auf Herz, war uns bis heute nicht verborgen geblieben, daß in Herford eine Pöppelmann-Gesellschaft der Kunst verbunden ist, oder der Niederrheinische Kunstverein eine Zweigstelle in Hamminkeln im Neuen Rathaus unterhält?

Sie alle, die kleinen und die großen, die Profis und die Amateure, teilen sich nun das nationale Kunstgut nach einem komplizierten Schlüssel. Auf seiner Landkarte hat der Organisationsstab säuberlich Bezirksgrenzen eingetragen, künstlerische Hoheitsgebiete abgezäunt. Nicht ganz dem föderalistischen Verfassungsauftrag gemäß. Die Kunstregionen decken sich nicht überall mit den Bundesländern. So wird Düsseldorf von Köln geschieden und von ihnen wieder Münster, Westfalen und Ruhrgebiet. Frankfurt und Hessen gehören zusammen wie Hannover und Niedersachsen. Berlin ist ganz etwas eigenes. Hamburg indes wird Schleswig-Holstein und Bremen zugeschlagen. München bleibt bei Bayern, aber tief im Süden und Südwesten trennt eine geheimnisvolle Linie Baden von Stuttgart nebst Württemberg.

Regionalistiscner Weisheit letzter Schluß? Ist solche Gliederung kunstsoziologisch begründbar? Oder sind da schlicht am Konferenztisch praktikable Verwaltungseinheiten ausgeschnitten worden? Ein eigener Band des dickleibigen Katalogwerks müht sich um die Darstellung der abgesteckten Kunsträume. Mit recht unterschiedlichem Erfolg. Die Autoren würdigen lokale Institutionen, gehen dem Einfluß von Mentoren und Mäzenen nach, forschen in der heimatlichen Kunstgeschichte und bestätigen nur, was man irgendwie dumpf geahnt hatte: Wo neugierige Museen und aktive Kunsthallen, aber vor allem Kunstakademien mit profilierten Lehrtraditionen etabliert sind, wo kommunale oder staatliche Kunstförderung nicht nur Thema politischer Kanzelreden ist, da lassen sich auch Verdichtungen des künstlerischen Geschehens und stilistische Ausprägungen registrieren.