Von Harry Pross

Als die Nazis vor fünfzig Jahren in der Nacht vom 10. zum 11. Juli im KZ Oranienburg den Anarchisten Erich Mühsam ermordeten, hinterließ er ein weitverstreutes Werk. Es stand auf dem Index der braunen Inquisition. Die Studenten des 10. Mai 1933 hatten auch Mühsams Schriften "den Flammen übergeben".

Erich Mühsam verkörperte als jüdischer Intellektueller, ab Literat, als Kabarettist und Journalist das Gegenbild zum "deutschen Menschen" der "Nationalen Erhebung" und war doch in seiner Empfindsamkeit, seinem Idealismus und seiner Halsstarrigkeit so "deutsch" wie eben möglich. 1878 in Berlin geboren, in Lübeck aufgewachsen, wo Gustav Radbruch sein Schulkamerad war, wurde er Apothekergehilfe und Schriftsteller. Über Berlin kam er 1909 nach München und gab dort 1911-1914 die literarisch-revolutionäre Monatsschrift Kam – Zeitschrift für Menschlichkeit heraus. Sie erschien noch einmal vom November 1918 bis zum April 1919, und in dieser Zeit schossen sich die frühen Nazis auf ihn ein. Für den unbekannten Maler Adolf Hitler muß Mühsam einer der Großen der "Szene" von Schwabing gewesen sein, eines Milieus, in dem er nicht reüssierte und das er darum haßte und verfolgte.

Mühsam nahm mit Gustav Landauer, Ernst Toller, Oskar Maria Graf, Ret Marut (alias B. Traven), Alfred Wolfenstein, Ernst Niekisch und anderen Schriftstellern an der Münchner Räterepublik teil und wurde deswegen eingesperrt. Mit zweiundfünfzig Jahren schrieb er: "Die betrübende Tatsache, daß wir alternden Schriftsteller, obwohl unser Name in der modernen Literaturgeschichte steht, unsere Arbeiten in der Schublade verschimmeln sehen müssen, ist ein Kennzeichen der allgemeinen sozialen Zustände unserer Tage. Die Verleger müssen in ganz anderem Maße darauf bedacht sein, ihre Ausgaben in jedem einzelnen Falle wieder hereinzukriegen. Die völlige Unfähigkeit unserer Gesetzgeber aller Sorten, die ebensosehr Ursache wie Wirkung der unerhörten Korruption des gesamten öffentlichen Lebens ist, macht sich selbstverständlich auf allen Gebieten der Produktion und des Verbrauchs bemerkbar ... Niemals war der Geist so uninformiert wie gegenwärtig, was, da es offensichtlich in gesellschaftlichen und historischen Tatsachen begründet, nicht verurteilt, sondern nur festgestellt werden soll."

Der so schrieb, hat auch nach dem Krieg nur rasch welkendes Interesse gefunden, wie die Blumen rasch verblühen, die dann und wann jemand auf sein efeuüberwachsenes Grab stellt. Auswahlbände und Reprints einzelner Schriften erschienen vorwiegend in anarchistischen Verlagen, eine Sammlung in der DDR. "Die einzige Bedingung, unter der ich meine Geschäfte heben könnte, nämlich meine Arbeit zugleich in den Dienst von Parteigeschäften zu stellen, werde ich nicht erfüllen." Der tote Autor ist nicht davor geschützt, in den Dienst von Parteigeschäften" gestellt zu werden, solange keine Gesamtausgabe vorliegt, die den ganzen Umfang seines Schreibens verfügbar macht. Und auch dann wird, wie man weiß, der Parteien Gunst and Zank sich das jeweils Passende herauszitieren.

Für Erich Mühsam hat der Verleger Andreas Mytze (Verlag Europäische Ideen, 1 Berlin 37) zum 100. Geburtstag 1978 eine Gesamtausgabe von 2500 Seiten in fünf Bänden angekündigt. Die von Günther Emig herausgegebene Edition umfaßt: Band 1 "Gedichte" (736 Seiten), Band 2 "Dramen" (459 Seiten), Band 3 "Prosaschriften I" (469 Seiten), Band 4 "Prosaschriften II" (430 Seiten), Band 5 "Verstreute Aufsätze" (noch nicht erschienen). Über die Schwierigkeiten der editorischen Leistung geben die Jahreszahlen der Einzelbände Aufschluß: Der neu gesetzte Band 1 "Gedichte" erschien 1983 nach den Dramen (1977) und den Bänden 3 und 4 mit den Prosaschriften. Die Zeitungsartikel und Zeitschriftenaufsätze zu sammeln, stößt auf die bekannten Verluste an Originalen, die sich aus der Flüchtigkeit des Metiers wie der politischen Eingriffe ergeben.