Windkanal-gestylte Formen haben unsere Automobile nicht nur sparsamer und schneller gemacht. Wir verdanken ihnen, die oft zu wahren Schwitzkästen gerieten, auch die Renaissance eines antiken Heldenbewußtseins. Blicken wir im Geiste auf die bronzenen und marmornen Heroen von Athen und Rom, während wir am Arbeitsplatz unseres Autos hinter schräggestellten Scheiben brüten, so gelangen wir durch Transpiration zur Inspiration und zu einer neuen hochsommerlichen Erkenntnis: Nicht etwa der Mythos von Wagemut und Tapferkeit ist uns Gradmesser ihrer Heldenhaftigkeit, sondern ihr Nacktsein. Unter dem Textil-Diktat dieser Welt behaupten sich die Nackten seit je als die wahren Helden. Auch wer sich in unserer Zeit, zum Beispiel am Volant, als Mann mit barem Oberkörper zeigt, der beweist: Ich laß mich doch nicht einwickeln, ich habe mich entbürdet und befreit!

So einer ist ein Avantgardist, ihm gelten unser Vertrauen und unsere Bewunderung. Was macht es schon, wenn uns just in unseren Betrachtungen ein Sattelschlepper von der Überholspur drängt. Erkennen wir doch im Brummi-Spiegel den Oberkörper eines Trucker-Helden – tätowierte Muskeln, die blanke Haut im Schweiße glänzend. Mit welchem Hochgefühl mag er vom Bock auf seine wohlangezogenen Geschlechtsgenossen blicken. Auch jener Fahrer, der uns im eigentlich PS-schwächeren Wagen mit Horn und Lichtorgie zu überholen sucht, hat sich in der Sommerschwüle längst das Hemd über den Kopf gezogen. Gern machen wir Platz auch ihm, dem Bruder im Geiste. Dem halbherzigen, dem feigen Spießer, der sich nur bis zum deutschen Mannesunterhemd entkleidet, verweigern wir die Achtung ebenso wie dem Cabrio-Fahrer, der seine Offenheit und seinen Heldenmut mit Windjacke, Lederkappe und Handschuhen demonstriert. Diese Oben-ohne-Welle, Mann, ist doch längst out. T-Shirt aus, heißt die Losung unserer Zeit, Schiebedach und Fenster auf und furchtlos hinein in den Stau, der unserer Haut nur frische Bräune bringt. Weg mit Deo-Spray und -stift, denn Männerschweiß verbreitet Heldenmut.

In der Tageshitze stoppen wir vorm Ampelrot. Da – die pralle Wirklichkeit ist auch hier eingebrochen in Männer-Domäne, hat unsere ärgsten Visionen eingeholt: In der Kolonne neben uns, am Steuer – der nackte Oberkörper einer Frau! Wir werden diese Verirrte in unser Nacktgebet einschließen, ziehen die Krawatte zurecht und blicken stur geradeaus. Schließlich wollen wir uns keine Blöße geben.

Hans Schiemann