Von Heinz-Günter Kemmer

Detlev Rohwedder, der Chef des Dortmunder Hoesch-Konzerns, konnte letzte. Woche seinen Aktionären auf der Hauptversammlung ein stolzes Ergebnis präsentieren. Sein Unternehmen, von der Branche sonst als der "arme Vetter im Osten des Ruhrgebiets" bezeichnet, ist derzeit unter den deutschen Stahlunternehmen die Nummer eins.

Statt sechzig Mark je Tonne, wie die Branche insgesamt, haben die Dortmunder im vergangenen Jahr beim Stahl nur fünf Mark je Tonne verloren. Und dank der ertragsstarken Weiterverarbeitung brachte es der Konzern sogar auf ein wirtschaftliches Ergebnis von dreißig Millionen Mark. Für ein normales Unternehmen nicht eben viel, für eine Stahlgesellschaft aber eine beachtliche Summe.

In diesem Jahr kommt Hoesch sogar beim Stahl aus den roten Zahlen; dazu Finanzvorstand Hero Brahms: "Aufgrund der günstigeren Mengenentwicklung verbesserte sich die Ertragslage im ersten Quartal 1984 von Monat zu Monat. Hoesch hat dieses Quartal mit Gewinn abgeschlossen, zu dem auch die Hüttenwerke mit einem positiven Ergebnis beigetragen haben." Und weiter : "Von der derzeitigen Verfassung unseres Unternehmens aus gesehen, sind alle Voraussetzungen gegeben, auch das Geschäftsjahr 1984. wieder erfolgreich bestehen zu können."

Die Börse hat das längst honoriert – der Hoesch-Kurs ist unter den Stahl-Werten einsame Spitze, liegt weit über dem von Thyssen, dem Renommierunternehmen der Branche. So war es nicht schwierig, die geplante Kapitalerhöhung im Verhältnis vier zu eins in der Hauptversammlung durchzusetzen. Zumal die Hoffnung besteht, daß Hoesch sein Kapital schon bald verzinsen wird. Das ist derzeit noch möglich, ohne gleich einen Teil der den Stahlunternehmen gewährten staatlichen Subsidien zurückzahlen zu müssen. Aber für die Zukunft hat Hoesch vorgebaut: Der Stahlbereich soll ausgegliedert und rechtlich verselbständigt werden – Gewinne aus anderen Teilen des Konzerns können dann ausgeschüttet werden, ohne daß die Staatshilfe zurückgezahlt werden muß.

Hätte man vor drei Jahren die Behauptung gewagt, Hoesch werde als erster der traditionellen Stahlkonzerne wieder emissionsfähig werden, niemand hätte das geglaubt. Damals verhandelten die Dortmunder mit Krupp Stahl über eine Zusammenarbeit, die bis zur Fusion gehen sollte, und Rohwedder trieb die Auflösung des Estel-Verbunds, der Hoesch und den holländischen Stahlkonzern Hoogovens zusammenfaßte. Es gab hohe Verluste, und das Gerücht ging! um, Hoesch stehe kurz vor der Pleite.

Im Zeitraffer sieht es so aus, als habe Rohwedder seit seinem Eintritt in den Hoesch-Vorstand Anfang 1979 nichts anderes betrieben als die Zerschlagung von Estel. Aber weder war ihm diese Aufgabe zugedacht, noch hat er sie selbst so gesehen. Vielmehr sollte der frühere Staatssekretär des Bundeswirtschaftsministeriums das vom Dortmunder Lokalkolorit geprägte Unternehmen stärker auf den Estel-Pfad führen. "Ihr Schreibtisch steht in Nimwegen", hatte der damalige Hoesch-Aufsichtsrat Hans Leibkutsch Rohwedder bedeutet.