Der Nebel im Zimmer ist so dicht, daß Wände und Fenster verschwunden sind. Der Dunst leuchtet von Tageslicht aus unbestimmbarer Quelle. Zerstäuber hüllen die Kabinen in helle Schwaden, die nach Eukalyptuswäldern duften, nach Latschenhängen in mittäglicher Sonnenglut, nach Zypressen, Rosmarin, Menthol – wie’s der Kurarzt verordnet hat.

Der Nebel ist heilsam. Das Inhalatorium ist das größte und traditionsreichste in Europa: Stolz und wichtigstes Kurmittelhaus des vielseitigen Kurorts Bad Soden mit der Hauptindikation bei chronischen Erkrankungen der Atemwege. Heilsame Wasser aus derzeit neun von insgesamt 36 Quellen (Säuerling, Schwefelbrunnen, Mineralsprudel, Thermaisole) werden als Kurmittel in Form von Inhalationen, Bädern, Gurgel- und Trinkkuren sowie Nasenspülungen genutzt.

Von Wunderwirkungen des heilsamen Nebels berichtet Chefingenieur Eckhardt vom Inhalatorium am Burgberg. Er hat die Therapie durch Erfindung und Installation eines Zwei-Phasen-Systems effektvoll verfeinert. Wo er erscheint, zischen, sprühen und dampfen die Vernebier, Doppelbläser, Zersprüher ‚ Verschäumer. In Bad Soden gibt es rund 300 Varianten heilkräftiger Inhalationen. "Da wurde ein Kind behandelt, noch keine zwei Jahre alt. Das konnte wegen einer verschleppten Erkältung nachts kaum einschlafen. Nach drei Inhalationen schlief das Kind wieder", erinnert sich Eckhardt. Er dämpft die eigene, wohlfundierte Begeisterung:"Die Inhalationskur schafft nur Linderung, keine Heilung."

Das Burgberg-Inhalatorium mit 364 Plätzen (davon 193 in Gemeinschaftskabinen und 40 in Einzelräumen) dient der seit Jahrhunderten etablierten Inhalationstherapie bei Erkrankungen der Atemwege (etwa 70 Prozent der offenen Kuren). Das Bad am Fuß der Taunushöhen hat neben Durchblutungsstörungen sowie Herz- und Kreislauferkrankungen neuerdings auch Leiden des Bewegungssyitems und Psoriasis (Schuppenflechte) in seine Heilanzeigen einbezogen. Im modernen Thermaisole-Hallenbad und einem klassischen Badehaus bietet Bad Soden Bewegungstherapie, Wannenbäder, Massagen, Packungen sowie die von Kurarzt Dr. Aschoff konzipierte und überwachte Sole-Photo-Therapie zur Bekämpfung der Psoriasis, die seinen Worten zufolge einen "Behandlungserfolg von 88 Prozent" hat. Drei Kurparks und eine Trinkhalle (Trinkkur, Konzert, Tanz), ein wunderschönes neues Kurhaus,

"Gesundheit liegt so nahe", verheißt die Kurverwaltung und wirbt damit um Gäste aus dem Rhein-Main-Dreieck, namentlich aber um eine Frankfurter Klientel, die mit der S-Bahn 20 Minuten von der Hauptwache zu den Pforten von drei effizienten Kurmittelhäusern reisen kann. Umgekehrt ebenso, was dem Kurvergnügen im sprichwörtlichen milden Klima der Taunuswälder den möglichen Hintergrund großstädtischer Zerstreuungen verleiht.

Tatsächlich hat 1983 die Zahl der ambulanten Patienten im Sog der Rezession von 14 000 auf 16 000 zugenommen, indes die reguläre Kurgaststatistik eine Minderung der Ankünfte von 7000 auf 4300 registrierte (35 Prozent Privatgäste). Die Folgen waren katastrophal. Bad Soden ist ein Kommunalbad. Der Kurbetrieb, eine Tochter der Stadt, firmiert als GmbH, die ihrerseits zum Jahreszins von 1,2 Millionen Mark die Kureinrichtungen von der Stadt pachtet. Der Umsatzrückgang des Kuretats von annähernd sechs auf vier Millionen (1983) hat eine Personaleinsparung von 60 auf 46 Stellen erzwungen. Die Pacht zugunsten des Stadtsäckels kann derzeit nicht aufgebracht werden.

Gewiß: Bad Soden ist auch Tagungsstadt (Buchungskoeffizienz 70 Prozent) Naherholungszentrum, Ferienstadt. Von 1600 Fremdenbetten werden nur rund 1000 von der Kur beansprucht. Dennoch ist Kurdirektor Manfred Dornauf nicht gesonnen, mit gleichwohl vertretbaren touristischen Argumenten mehr Feriengäste anzulocken und damit vielleicht die eigentliche Substanz zu gefährden. "Wenn sich jetzt jedes klassische Bad auf den Tourismus stürzt, ist das vermutlich ein Schritt in die falsche Richtung. Das Heil liegt in der Therapie, im klassischen Kurangebot." Der Kurdirektor bleibt dabei: Das Heil liegt im Nebel.