Zwischen Krieg und Karriere:

Biographie einer Generation

Die Exekutivanweisung Nr. 54/1947 für die britische Besatzungzone ist ein Geschichtsdokument ohne Beispiel. Zum erstenmal wurde der Versuch gemacht, soziale und politische Veränderungen an einem Geburtsjahrgang festzumachen. Betroffen war der Jahrgang 1919, sofern er in der britischen Zone lebte: im britischen Sektor Berlins, in Nordrhein-Westfalen, in Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein. Wer nach dem 1. Januar 1919 als Deutscher geboren worden war, sollte in der Entnazifizierung als "Unbelasteter" eingestuft werden, falls ihm nicht Kriegsverbrechen nachzuweisen waren. Der Jahrgang 1919 und alle Jahrgänge nach ihm waren fortan "Die Amnestierten wie sich ein erfolgreiches Kabarett Kieler Studenten sogleich nannte.

In der amerikanischen Zone ließ die üppig wuchernde Militärbürokratie anfangs 1 613 000 Fragebögen mit jeweils 99 Fragen verteilen. Die Sichtung der Fragebögen führte in den drei Westzonen zum Arrest von 178 700 Personen. Männer und Frauen vom Jahrgang 1919 und jünger waren nur darunter, wenn sie schon in jungen Jahren als Führerinnen und Führer der Hitler-Jugend (HJ) oder in der Wehrmacht als Stabsoffiziere Karriere gemacht hatten. So wurde Melita Maschmann, der wir eines der ehrlichsten Selbstzeugnisse dieser Generation verdanken, als Angehörige des Jahrgangs 1918 überprüft und als Referentin der Pressestelle des BDM (Bund Deutscher Mädel) in der Reichsjugendführung vor einer Spruchkammer, jetzt schon mit Deutschen besetzt, als "Hauptschuldige" eingestuft. Diese Einstufung hatte Folgen für die Berufsausbildung, besonders für die Zulassung zum Hochschulstudium.

Daß der Jahrgang 1919 und alle jüngeren schließlich von Überprüfungen ausgenommen wurden, hätte pragmatische und pädagogische Gründe. Als in der amerikanischen Zone alle Deutschen über achtzehn nochmals überprüft werden sollten, mußten 13 Millionen Fragebögen gesichtet werden. Es ergaben sich in 3,5 Millionen Fällen Anlaß zu Verfahren, für die man Kammern mit Anklägern und Beisitzern zu schaffen hatte. Da sich die Bevölkerung, auch wenn sie die Aburteilung von Schuldigen wünschte, gegen die pauschale Spruchkammerpraxis solidarisierte, mußten Militärregierungen und deutsche Demokraten der älteren Generation ein praktisches Interesse daran haben, die Spruchkammern wenigstens von den Verfahren gegen jene zu entlasten, die 1933 noch Kinder und Jugendliche waren.

Der Jahrgang 1919 wurde geboren im Schatten der als Katastrophe empfundenen Niederlage des Ersten Weltkrieges, im Jahre des "Diktats von Versailles" und der Gründung der Weimarer Republik, in der Hungersnot der noch andauernden Blockade, im Währungsverfall, in der sozialen Umschichtung von Millionen Menschen, in einer latent revolutionären Bürgerkriegsstimmung.

Als die Eltern dieser Kinder von 1919 zehn Jahre später über deren weiteren schulischen Weg entscheiden mußten, bot sich für über 90 Prozent die Volksschule als der ohnehin normale Bildungsweg an. Wenn sich Eltern für Mittelschule oder eine Gymnasialform entschieden, nahmen sie die Last von Schulgeld, Kosten für alle Lernmittel, Transportkosten und den Verdienstausfall von vielen Jahren auf sich, bis die Kinder Studium, Fachschule oder eine andere qualifizierende Berufsausbildung abgeschlossen hatten. Selbstverständlich erhielten Hochschulabsolventen in der praktischen Ausbildung noch keinen Pfennig Unterhalt. Als die Weltwirtschaftskrise um 1929 die Familien zu immer neuen Einsparungen zwang, mußten auch hochbegabte Kinder den unbezahlbaren Bildungsweg durch weiterführendeSchulen abbrechen. Das hatte berufliche Spätfolgen. Nur eine Minderheit dieser Jahrgänge kam zum Abitur. Von ihnen fiel jeder dritte im Zweiten Weltkrieg. Und von den Abiturienten, die danach studieren wollten, kam wieder nur eine Minderheit bei den zerstörten, in ihrer Ausbildungskapazität extrem begrenzten Universitäten an. So diente sich in den Führungseliten von Verwaltung, Industrie, Gewerbe und Handel eine Generation von Volksschülern über den Lehrling oder Praktikanten zu den Chefetagen hoch, mancher, nachdem er sich auf zweiten oder dritten Bildungswegen qualifiziert hatte.