Von Wolfram Runkel

Es ist soweit. Der Professor tritt ans Pult und verkündet: "Lieber Herr Joyce, meine Damen und Herren, heute tritt der Ulysses vor die Welt." Unter den Zuhörern sitzt Joyce ganz vorne in seiner typischen Haltung. Körper und Kopf leicht nach links gewinkelt.

Es ist der 16. Juni 1984, Aula der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Was wird hier gespielt? Handelt es sich um eine verspätete Joycesche Metempsychose? ("Metempsychose? Was ist das für’n Kerl, wenn er zu Hause ist?", Ulysses). Der Mann im Publikum ist Stephen James Joyce, der Enkel des 1941 gestorbenen Dichters des "Ulysses". Stephen ist aus Paris nach Frankfurt gekommen, um die erste, vom Herausgeber signierte Ausgabe des "Ulysses" in Empfang zu nehmen, die erste richtige, wahre Ausgabe. Denn das Buch, das 1922 in Paris zum ersten Mal und seitdem in Dutzenden neuer Ausgaben, in Millionen von Exemplaren erschienen ist, ist ein völlig korruptes, mit mehr als fünftausend Fehlern verfälschtes Druckwerk. Erst die neue "Critical und Synoptic Edition" des Münchner Professors Hans Walter Gabler ist der echte, fehlerfreie "Ulysses". (Verlag Garland Publishing Inc. New York; etwa 200 Dollar).

Gabler brauchte für seine Edition, die in einer dreibändigen Zweitausend-Seiten-Ausgabe auf den rechten Seiten den fortlaufenden Text, auf den linken Seiten die Entstehungsphase jedes einzelnen Wortes erklärt, genausolange, wie Joyce für seinen Roman (sieben Jahre) und einen Spezialcomputer, der den Druckern vor 63 Jahren bei ihrer Sisyphusarbeit fehlte.

Der Grund für die vielen Fehler war die Arbeitsweise von Joyce. Er hatte den Text nicht nur im letzten Arbeitsmanuskript und in der handgeschriebenen Reinschrift sowie auf den verschieder nen Maschinenabschriften immer neu korrigiert und revidiert, sondern auf den Druckfahnen schließlich noch ein ganzes Drittel des Romans, etwa 100 000 Wörter, dazu geschrieben.

Dabei erwies sich die Tatsache, daß die französischen Handsetzer kein englisch verstanden, ironischerweise noch als Vorteil. Engländer hätten die eigenwillige, von Wortspielen wimmelnde Sprache wahrscheinlich noch in weiteren tausend Fallen falsch berichtigt. Die etappenartige Entstehung des "Ulysses" auf Dutzenden verschiedener Arbeitspapiere ist zugleich auch die Ursache dafür, daß die Forscher sich gar nicht erst an den Anfang einer kritischen "definitiven" Ausgabe wagten. Die verschiedenen Manuskripte und Druckfahnen sind nämlich in alle Welt geblasen worden und liegen verteilt in Museen und amerikanischen Universitätsbibliotheken.