Viktor Tausk: "Gesammelte psychoanalytische und literarische Schriften"

Von Bernd Nitzschke

Als vor fünfzehn Jahren der amerikanische Soziologe und Harvard-Professor Paul Roazen, selbst kein Psychoanalytiker, sein denkwürdiges Buch "Brother Animal. The Story of Freud and Tausk" (Knopf, 1969) veröffentlichte, begann eine Kontroverse um einen der genialsten, aber auch problematischsten Schüler Freuds, um Viktor Tausk, der 1908 zum Kreis um Freud gestoßen war.

Roazen hatte die These aufgestellt, Tausk habe Freud so nahe gestanden, daß er bisweilen Gedanken "erraten" konnte, die Freud selbst bewegten, ohne daß dieser sie schon ausgesprochen hätte. "Weiß er schon alles?", stand auf einem Zettel, den Freud Lou Andreas-Salome anläßlich einer Diskussion in der "Mittwochsgesellschaft" zuschob, beim wöchentlichen Treffen der Schüler und des Meisters, als Tausk Thesen formulierte, die Freud als die seinen wiederzuerkennen glaubte.

Lou, die mit Tausk eng befreundet war – Roazen unterstellt eine sexuelle Beziehung, die von anderen bestritten wird –, notierte in ihrem Tagebuch über Tausk, er besitze eine "leidende Gefühlshaftigkeit bis zur Selbstauflösung". Damit ist gemeint, was psychoanalytisch als ein partieller Verlust der Icn-Grenzen umschrieben wird, eine Fähigkeit, die kreativen Künstlern, Kindern, aber auch hochgradig gestörten Menschen, vor allem Schizophrenen, unterstellt wird.

Tausk gegenüber jedenfalls empfand Freud zunehmend ein erhöhtes Abgrenzungsbedürfnis. Er wollte nicht, daß Tausk ihm zu nahe kam, weshalb er schließlich auch die Bitte Tausks, Freud möge ihn in Analyse nehmen, abschlug. Statt dessen ging Tausk zu Helene Deutsch in die Analyse (die ihrerseits bei Freud in Analyse war), ein Arrangement, das Tausk akzeptierte und Freud gestattete, auf dem Umweg über Helene Deutsch Einblick in Tausks Persönlichkeit zu erlangen.

Nach wenigen Monaten untersagte Freud die Fortsetzung dieser folie à trois. Er stellte Helene Deutsch vor die Alternative, entweder ihre Analyse bei ihm oder aber die Tausks zu beenden, mit der Begründung, Tausk habe in das Arrangement nur eingewilligt, um mit ihm, Freud, indirekt kommunizieren zu können. Ein Vorwurf, der stimmen mag, aber auch umgekehrt zutrifft, also auch Freuds indirektes Interesse an Tausk charakterisiert.