Was haben wir begriffen, die wir damals Kinder waren, als Deutschland den Weltuntergang probte? "Adol Fitla" war mein erster Schreibversuch gewesen; dann kam ich in die Schule, und mit der Schule begann der Krieg. Zwischen Tatzenstock und Bombenkeller lernte ich die Gewöhnung an die Angst. Die Älteren durften Helden spielen, und ein gottbegnadeter Führer plante den unwahrscheinlichen, aber sicheren Endsieg. Dann war der Krieg vorbei, und nicht nur die Städte lagen in Trümmern. Der gottbegnadete Führer war ein mieser Gangsterboß gewesen, und der gefürchtete Feind verteilte Kaugummi. Wir hungerten tapfer, und schon wußten viele: der Krieg wird weitergehen – mit den Amis gegen die Russen. Und eines Abends dann die Radionachricht: Atombomben waren gefallen; zwei Städte waren in Strahlenblitz und Aschenregen verschwunden. Wir würgten an Fragen, auf die niemand antworten mochte.

Niemand hat damals, als in notdürftig geflickten Trümmerschulen der Unterricht wieder begann, einen Aufsatz von mir verlangt, wie ich den Katastrophenrausch der Nazizeit, wie ich Krieg und Kriegsende erlebt hatte. Hätte ich denn eine Sprache dafür gehabt? In Nürnberg aber gab es einen weitblickenden Oberschulrat, der beizeiten erkannte, welche zeitgeschichtliche Spur sich in Kinderseelen eingegraben haben mußte. Über 7000 Aufsätze ließ er 1946 in seinem Aufsichtsbezirk schreiben. Jahrzehntelang schlummerten sie im Nürnberger Stadtarchiv, bis Hannes Heer sie dort wiederentdeckte, ein Dramaturg und ehemaliger Lehrer, ein Jahrzehnt jünger als die Aufsatzschreiber. Er hat sie gesichtet und eine Auswahl als Taschenbuch publiziert.

"Ein Lesebuch gegen den Krieg" lautet der Untertitel, aber da ist der Herausgeber schon verengender Interpret. Als Mahnung gegen den Krieg gibt es aufrüttelndere Lektüre. In diesen Aufsätzen geht es um die prägenden Erfahrungen einer Generation, die jung in eine böse Zeit geworfen wurde, ohne zu begreifen. Die stumm an diesem Unbegriffenen würgte, bis es weggewürgt war. Sie stürzte sich mit nüchterner Tatkraft in Aufbau und Karriere. Illusionen hatte sie abgetan und mit den Illusionen das Fragen. Sie arrangierte sich mit den Sachzwängen, die sie produzierte; sie suchte Wohlstand und Sicherheit. Meine Generation – in diesen kargen Texten begegnet sie sich selbst als dem alleingelassenen Kind.

"Es ist besser, wenn du das nicht verstehst", bekam eines dieser Kinder damals von der Mutter zu hören. Manche, wenige nur, hatten Väter, die von früher erzählten, als alles schöner war und freier. Und mußten dann erleben, wie ein solcher Vater von der Gestapo geholt und auf der Straße zusammengeschlagen wurde, ehe er für lange oder für immer verschwand. Die meisten lebten in grauer Watte. Der Blick reicht da nur zum Allernächsten. Keiner spricht von den Deportationen in die Vernichtungslager, keiner von der Drangsalierung jüdischer Mitschüler.

Paradiesisch erscheint die Vorkriegszeit. Da gab es Bonbons, Schlagsahne, Schokolade. Andere erinnern beglückende Naturerlebnisse: die Blütenpracht auf der Mainau, einen Sternenhimmel. Oder die imposanten Aufmärsche des Reichsparteitages. Der Krieg wird anfangs nur spürbar, wenn die Nachricht kommt, daß der Vater gefallen ist: "Meine Mutter geht ans Fenster und weint still vor sich hin. Ich schleiche zur Tür hinaus und lasse mich nicht mehr blicken Doch bald erfahren die Kinder das Grauen am eigenen Leib. Am brutalsten im Bordfeuer der Tiefflieger: "Das grüne Gras war rot vor Blut."

Die Erlebnisschilderung der Bombennächte ist manchmal dramatisch ausgemalt. Ein altkluges Aufsatzdeutsch greift zu entlehnten Metaphern, Spruchweisheiten, biblischem Pathos. Heer mag recht haben mit der These, daß der Rückgriff auf Klischees ein Sprechen erst möglich machte. Erschütternder ist die Sprachlosigkeit anderer Texte, die Diskrepanz von Wort und Erlebnis als Ausdruck des verstummten Gefühls. Mancher beherrscht bereits perfekt das Verdrängungungsvokabular der Erwachsenen.

Und das Ende des Krieges, das Erwachen aus Trümmern? Nichts von Befreiung, von Aufbruch in eine andere Zeit. Keiner hat offenbar bei den Älteren fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Geschehenen erlebt, die Orientierung geben könnte. Werte waren zerbrochen, die Scherben wurden weggekehrt. Ein fremder Begriff taucht auf, mißtrauisch registriert: Demokratie. Die Erfahrung, daß niemand da ist, den man fragen kann, setzt sich fort.