Kein Buch für solche, die "von allem den Preis und von nichts den Wert kennen" (Oscar Wilde). Denn was ihnen gemein ist, dem Steinway-Flügel und der Jockey-Herrenunterhose, der Harley-Davidson und Johnsons Babypuder, ist keineswegs der Umstand, daß sie manchmal mehr kosten als die Produkte der Konkurrenz, sondern daß sie besser, ja vorbildlich sind. Weil sie, was Technik, Aussehen und Qualität betrifft, immer herausragen; weil sie "Quintessenz" darstellen, wie die beiden Autoren propagieren. Was dieses Buch

Quintessence. The quality of having it. By Betty Cornfeld and Owen Edwards. Crown Press, New York

von einem Kaufkatalog für die posh people unterscheidet, ist zum einen seine makellose ästhetische Schwarzweiß-Photographie und seine witzig-ästhetisierenden Essays zum anderen. Jedem der oben aufgeführten Objekte (und61 weiteren) ist eine splendide Doppelseite gewidmet, um das Geheimnis zu enträtseln, welches eine Essenz zu einer Quintessenz werden läßt. (Eben das, was Kant als "das Ding an sich" bezeichnet.)

Dazu ein handliches Beispiel: das Schweizer Armee-Messer. Was nur macht dieses Messer zum Taschenmesser an sich? Es schneidet, öffnet, schlitzt, bohrt, schraubt und feilt und ist überhaupt das effizienteste aller universellen Überlebensutensilien. Aber darüber hinaus: Nicht nur jeder Pfadfinder weiß, daß er mit diesem Taschenmesser in der Hose unweigerlich zum Luis Trenker von Wald und Heide wird. Zur weiteren Bekräftigung von Ware und Mythos führen die Autoren in ihrem Vorwort einen Philosophen des Mittelalters an, für den die fünfte und höchste Essenz (nach den vier Elementen Erde, Luft, Feuer und Wasser) die "latente Göttlichkeit in allen Dingen" war. Theologen würden gleich von der Seele sprechen. Im Mittelalter fiel es leichter, dies zu glauben, war doch alles von Gottes- oder Menschenhand geschaffen. Im Zeitalter der Massenproduktion sieht es anders aus. Die moderne Definition von Quintessenz ist "die reiche, hochkonzentrierte Essenz" (so prosaisch sieht es Webster’s Dictionary). Ein Produkt, das es zu dieser Konzentration gebracht hat, ist nicht mehr zu verbessern. Im Gegenteil, der Versuch einer Veränderung könnte es womöglich zerstören. Ein Beispiel: der in den USA allen Generationen vertraute "Oreo cookie". Dessen Hersteller Nabisco behauptet sogar, dies sei der berühmteste Keks der Welt. Wie auch immer: der "Oh-Oh-Oreo" ist rund, dunkel, mit seinem Namen gezeichnet, gemustert und gefüllt mit einer weißen Creme, fast mehr ein persönliches Ausdrucksmittel als nur ein cookie, behaupten die Autoren. Man könne ihn wie ein Sandwich verzehren oder die Oberhälfte abnehmen, sie essen, dann die süße weiße Creme mit den Vorderzähnen abnagen und die untere Hälfte jemandem schenken, den man ohnehin nicht sonderlich mag> Auf jeden Fall ist Nabisco vor einigen Jahren auf die Idee gekommen, etwas zu verändern: Die Creme wurde doppelt so süß, und diese Korrektur erwies sich als "genauso falsch, wie der Oreo-Keks goldrichtig war". Man kann es sich vorstellen: was schon sollte man an Coca-Cola, dem VW Käfer oder Levi’s Jeans verändern wollen, wenn täglich 260 Millionen Gläser von diesem Softdrink weltweit getrunken werden, alte VW Käfer unterderhand die Liebhaber wechseln und Levi’s die letzte große Schnittänderung genau 1873 gemacht hat?

Und trotzdem, schreiben Cornfeld/Edwards, bleiben dem süchtigen Konsumenten Irrwege nicht erspart, wie sie am Beispiel der klassischen Timex-Unr erläutern: Man kann besessen davon sein, eine richtige Uhr zu besitzen. Da sie einen ausgeprägten symbolischen und praktischen Wert hat, kann es vorkommen, daß man sich ein halbes Dutzend Armbanduhren kauft, sie einige Monate trägt (und mag), um sich anschließend wieder auf die Suche zu begeben. Aber wenn wir uns eine "quintessentielle" Uhr aussuchen, dann spielt sich etwas jenseits der Banalität ab, nur eine Uhr zu tragen. Denn das Ziel sollte sein, erfolgreich zu wählen – nicht endlos zu suchen. Nur dann werden wir sie trotz Gewöhnung immer gerne tragen. Eine Erkenntnis, die davor bewahrt, ein "drifter" zu werden: ein Pendler, der durch Werbeversprechen rastlos wird und in das moderne Dilemma gerät, eine unglückliche Lust zu entwickeln, mehr und immer mehr besitzen zu wollen, als ob die Multiplikation von "leeren" Gegenständen "Seele" erzeugen könnte.

Interessant, welche nicht-amerikanischen Waren-Entdeckungen in die Walhalla der quintessentiellen Gebrauchsgegenstände aufgenommen wurden: Aspirin, der klassische Teddybär von Steiff, die Märklin-Eisenbahn, der Faber-Bleistift. Bekannt sind aber auch die meisten anderen, frei nach Ulrich Plenzdorf in den "neuen Leiden des jungen W.": "Ich meine, Jeans sind eine Einstellung und keine Hosen."

Und die kennt, wie man weiß, keine Grenzen. Zumindest nicht in den Köpfen der Marketingstrategen. Und auch nicht im zuweilen nicht unbedenklichen Versuch der Verfasser, die Grenzen von Sublimierung und eindeutiger Konsumware zu verwischen.