Von Roland Röhl

Wenn ein Schaf einen "Drehwurm" hat, taumelt und schwankt es orientierungslos umher und sondert sich dadurch meist von seiner Herde ab. In diesem Zustand fällt das Tier leicht einem Wolf oder einem Wildhund zum Opfer – und der "Drehwurm" hat sein Ziel erreicht: Beim Drehwurm handelt es sich nämlich um die Larve des Hundebandwurms.

Wie bei vielen Parasiten vollziehen sich die verschiedenen Entwicklungsstadien des Hundebandwurms in unterschiedlichen Wirtstieren. Das Problem: Wie gelangt der Schmarotzer mit möglichst hoher Wahrscheinlichkeit vom Wirt seiner Larvenphase, dem Zwischenwirt, in den Wirt des Erwacnsenenstadiums, den Endwirt? Gewöhnlich folgt der Entwicklungsweg der Parasiten den bestenenden Nahrungsketten, steht die "Kinderstube" des Schmarotzers auf dem normalen Speiseplan des Endwirtes.

Einige Parasitenlarven vermögen jedoch ihren Wirt so zu beeinflussen, daß er sich leichter fressen läßt. So schlüpft der Hundebandwurm in den Körper eines Schafes, das beim Weiden Bandwurmmeier von umherliegendem Hundekot aufgenommen hat. Über die Blutbahn gelangt die Larve in das Gehirn des Schafes, wo sie sich festsetzt und zu einer manchmal hühnereigroßen "Blase" heranwächst. Benachbarte Hirnteile werden durch den Druck der Larvenblase beeinträchtigt, wobei es zu den Lähmungserscheinungen kommt. Das abnorme Verhalten der betroffenen Schafe, das den Drehwurm sprichwörtlich werden ließ, hilft der Bandwurmlarve somit, ihren Endwirt – Hund oder Wolf – mit einiger Sicherheit zu erreichen.

Neben dem Hundebandwurm scheint sich ein ganzer Stamm parasitär lebender Tiere, die sogenannten Kratzer, auf die Verhaltensbeeinflussung ihrer Zwischenwirte spezialisiert zu haben. Der Lebenszyklus einiger Kratzerarten führt über ein Larvenstadium in Flohkrebsen zum "Erwachsenendasein" im Darm von Enten. Forscher beobachteten, daß sich von Kratzerlarven befallene Flohkrebse anders verhalten als nicht infizierte Tiere. Während die winzigen Krebstierchen normalerweise Licht meiden und bei Gefahr sofort tauchen, um sich im Gewässerboden einzugraben, bewegen sich infizierte Flohkrebse geradezu auf dem Präsentierteller ihrer Freßfeinde, der Enten.

Dabei gibt es Unterschiede je nach Kratzerart. Ist das Ziel des Parasiten eine Stockente, die an der Wasseroberfläche frißt, so wird der befallene Flohkrebs zweckmäßigerweise in "lichthungrig" umgepolt. Kratzer hingegen, die auf Tauchenten spezialisiert sind, bringen die Krebschen dazu, sich in mittleren Wassertiefen aufzuhalten.

Das Aktionsfeld des Kratzerstamms ist aber nicht nur auf Wassertiere beschränkt. In der Mai-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Scientific American berichtet die, Biologin Janice Moore über ihre Untersuchungen an Landasseln, die von bestimmten Kratzerlarven befallen werden. Ahnlich wie infizierte Flohkrebse zeigen auch Landasseln nach Kratzerbefall ungewöhnliches Verhalten. Die Wissenschaftlerin konnte nachweisen, daß die Vorliebe der Landasseln für feuchte Luft nachläßt, sie sich seltener unter einen Schutz verkriechen, weniger das Licht meiden und häufiger auf hellem Untergrund herumkrabbeln, von dem ihr dunkler Körper deutlich absticht. All dies erhöht die Gefahr für die Landasseln, von einem Vogel gefressen zu werden, Genau darin liegt der Vorteil für die Kratzerlarven, denn die erwachsenen Parasiten nisten im Darm von Staren und anderen Singvögeln.