Das Stammpublikum des Düsseldorfer Magazins Wirtschaftswoche war überrascht. Im Vorspann zum ersten Teil einer Serie über den Atomstrom schrieb das Blatt unter der Überschrift "Im Kern getroffen" ganz unverblümt: "Das Geschäft mit der Atomenergie wurde zu einem Flop. Auf die einst prophezeite strahlende Zukunft wartet die Industrie noch heute." Teil zwei (Überschrift: "Geschmolzene Illusionen") war nicht minder deutlich. Der Vorspann: "Atomstrom wurde den hochgesteckten Erwartungen nicht gerecht. Im Gegenteil: Die Vorstellungen seiner Anhänger aus der Pionierzeit muten heute geradezu abenteuerlich an. Die finanziellen Folgen der blinden Euphorie sind noch unüberschaubar."

Starker Tobak für ein wirtschaftsfreundliches Magazin. Hätten Spiegel oder stern so vom Leder gezogen, wer hätte sich gewundert? Aber die Wirtschaftswoche?

Und der Inhalt des faktenreichen, mit großer Sorgfalt recherchierten Artikels paßte zu den Vorspännen. Über insgesamt dreizehn Seiten rieb der Wirtschaftswoche- Autor und freie Journalist Heinz Georg Wolf den Kraftwerksbauern und den Stromerzeugern Fehlprognosen, falsche Kalkulationen und technische Pannen unter die Nase.

Beinahe genüßlich zeichnete er nach, wie weit die einst großen Erwartungen der Atomlobby hinsichtlich möglicher Exportgeschäfte mit Reaktoren von der trüben Realität entfernt waren. Er wies auf Merkwürdigkeiten im jüngsten Gutachten des Batelle-Instituts hin, auf das Atomstrombefürworter gern verweisen, wenn sie belegen wollen, daß Reaktoren Strom billiger herstellen als Kohlekraftwerke. Wolf schildert ausführlich Kostensteigerungen bei Bau von Kernkraftwerken, dem Schnellen Brüter in Kalkar, dem Hochtemperaturreaktor bei Hamm und der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage, wodurch das gesamte Entsorgungskonzept fragwürdig wird.

Die hart kritisierten Elektrizitätswerke und Kraftwerksfirmen wehrten sich vehement. Rudolf Gluck, Vorstandsmitglied des Badenwerks fand den Bericht "eines Magazins, das sich Wirtschaftswoche nennt, nicht würdig". Rudolf v. Bennigsen-Foerder, Chef der Veba, äußerte "Erstaunen und Unverständnis". Drohend las sich die Stellungnahme des Deutschen Atomforums, ein eingetragener Verein, der die friedliche Anwendung der Kernenergie fördern will.

Zunächst wies das Atomforum auf die "Partnerschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit" mit der Zeitschrift atomwirtschaft – atomtechnik hin, erinnerte dann an die Kooperation mit dem Informationsdienst Kernenergie und Umwelt und daran, daß dieser zu hundert Prozent von dem "von uns geführten Informationskreis Kernenergie finanziert wird". Das wäre nicht weiter von Bedeutung, wenn atomwirtschaft sowie Kernenergie und Umwelt nicht wie die Wirtschaftswoche zur Handelsblatt-Gruppe gehörten.

Denn nun kam das Atomforum zur Sache: "Wir können auch nicht ausschließen, daß bei einer entsprechenden Fortsetzung dieser Serie die Grundlagen der langjährigen vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Organen Ihrer Verlagsgruppe in Frage gestellt werden könnten." Um diese unverhohlene Drohung richtig würdigen zu können, muß man wissen, wer hinter dem Atomforum steht. Das Mitgliederverzeichnis des Vereins liest sich wie ein Gotha der deutschen Industrie. Es sind nicht nur die großen Stromerzeuger und Kraftwerksbauer vertreten, es wimmelt auch von gewichtigen Baufirmen, Versicherungen, Großbanken, Stahlherstellern, Chemiefirmen und Maschinenbauern.