Von Gerhard Spörl

Bonn, im Juli

Die Liberalen lassen sich gegenwärtig in zwei Lager einteilen. Im einen Lager stehen die Optimisten. Mit Martin Bangemann als rasch inthronisiertem Wirtschaftsminister und designiertem Parteichef, so sagen sie, sei endlich ein neuer Anfang gewagt. Die alte FDP-Oligarchie – Lambsdorff, Genscher, Mischnick – habe sich bis zum Machtwechsel 1982 Meriten erworben, dabei aber eine wichtige Einsicht unberücksichtigt gelassen: Es dürfen nicht dieselben von heute auf morgen in einer anderen Koalition Politik machen wollen, sowenig wie Moses das Gelobte Land mit eigenen Augen sehen durfte.

Die Optimisten sind keineswegs von Überschwang beseelt, Sie lassen sich eher davon leiten, daß unschwer einen Neuanfang wagen kann, wer ansonsten am Ende ist. Dabei bietet ihnen die "Operation Lambsdorff/Bangemann" selber Anlaß zum Optimismus. Glücklich die Wahl des Zeitpunktes: Eile schien so kurz vor der Sommerpause wie von selber geboten; Pietät und Rücksicht einmal beiseite gelassen – daß die CSU bei dem schon lange absehbaren Ministertausch vorerst stillhalten würde, durfte so vorher nicht erwartet werden. Eindringlich die Präsentation: Gegen Martin Bangemann ließ sich vielerlei einwenden, ohne daß dies im Kabinett oder in der Partei nachhaltig geschehen wäre. Für die Zukunft wichtig wird ein Satz sein, der scheinbar beiläufig fiel, über den die FDP jedoch heilfroh ist. Es ist nun verbürgt, daß die drei FDP-Ministerien nicht personengebunden sind. Die Liberalen müssen nicht vor jedem neuen Revirement besorgt sein, daß sie um prominente Posten gebracht werden. Zumindest im Kabinett vermag die FDP ihren Besitzstand zu wahren.

Die Pessimisten dagegen halten sich nicht am Augenblick fest. Sie denken an die eigentümliche Konstellation, die sich eingestellt hat. Bis auf weiteres werden nun zwei FDP-Vorsitzende am Kabinettstisch sitzen, von denen der Nachrücker nicht nur vom Noch-Vorsitzenden herbeigezaubert worden ist, sondern sich auch noch auf dessen Kosten erst Reputation erwerben muß. Dazu gehört, daß Genscher genötigt sein wird, mit dem Parteivorsitz auch die Vizekanzlerschaft an Bangemann abzutreten.

An Bangemann imponiert der FDP bis jetzt vor allem, daß er nichts von dem besitzt, was Hans-Dietrich Genscher zur Perfektion gebracht hatte: taktische Raffinesse und eine ungemeine Begabung für die Rhetorik des Unberedten. Die Zeiten des elegisch-verschlagenen Liberalismus, der immer um sein Leben fürchtet und jedem Kompromiß aufgeschlossen ist, soll vorbei sein. Von dieser Aufbruchstimmung läßt sich Bangemann tragen.

Aufbruch, Neuanfang, Selbstbefreiung – die ganze FDP drängt, aus Furcht, überflüssig zu werden, ins volle Leben zurück. Dabei schwingt ein Schuß Purismus überdeutlich mit. Ihn bekam sogar Graf Lambsdorff zu späten, ehe er nach flüchtiger Ovation im Bundestag seinen Abgeordnetenplatz einnahm. So wie er mochte die Partei selber immer sein: nie halbherzig, bei jeder Keilerei dabei, ein Kerl und ein Herz zugleich. Unter besseren Umständen wäre kein anderer als er Genscher-Nachfolger geworden. In letzter Zeit hatten sich allerdings die Zweifel gemehrt, sowohl an Lambsdorffs Kunst, mit überschwenglichen Vorstellungen von der Marktwirtschaft die Konjunkturkrise zu bewältigen, als auch an der Weisheit, solange es nur geht Minister zu bleiben. Kaum jemand hält es für möglich, daß Lambsdorff sich von Flick hat bestechen lassen; kaum jemand aber rechnet damit, daß er, erst einmal rehabilitiert, in sein Ministerium zurückkehren wird.