Nicht genug, daß Hamburgs Umweltsenator Wolfgang Curifla das Pflanzenschutz-Werk von C.H. Boehringer Sohn an der Elbe geschlossen hat – der Ingelheimer Pharmafirma droht nun auch Klassenkeile. Den ersten Stein haben die Namensvettern in Mannheim geworfen. Aus Angst um den eigenen guten Ruf bat Boehringer Mannheim zum Ende letzter Woche in großformatigen Zeitungsanzeigen klargestellt, daß es zwischen den beiden gleichnamigen Firmen in Mannheim und Ingelheim keine Verbindung gibt.

Die Namensgleichheit stammt aus dem vergangenen Jahrhundert. Die 1859 von Christoph Heinrich Boehringer gegründete Chemiefabrik wurde von dessen ältestem Sohn fortgeführt. Firmensitz ist heute Mannheim. Der jüngere Sohn von C.H. Boehringer wurde mit Geld abgefunden und eröffnete in Ingelheim eine Weinsteinfabrik. Boehringer Mannheim wurde später. vom Sohn des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn gekauft, Chef dort ist heute Curt Engelhorn. Nur die Ingelheimer Firma ist noch im Besitz der Familie Boehringer. Ein Drittel der Anteile hält allein der Gründerenkel Hubertus Liebrecht, der auch Vorsitzender der Geschäftsleitung ist.

Unmut über die publizitätsfeindlichen Boehringers, die mit ihren Dioxin-Skandalen die gesamte Branche in Verruf bringen, regt sich auch im Verband der Chemischen Industrie. In dem einflußreichen Lobby-Club unter der Führung des Rütgers-Werke-Chefs Heinz-Gerhard Franck mehren sich die Stimmen, die nicht länger mit Boehringer-Ingelheim solidarisch leiden wollen.

Pikant ist, daß die vielgescholtene Firma sich ausgerechnet jetzt als Stellvertreter der gesamten Chemieindustrie aufführt. Ingelheim-Sprecher Erwin Rahner letzte Woche in Hamburg bei Bekanntgabe der Zwangsschließung in Moorfleet: "Es geht ja im Prinzip um die gesamte Chemie."

Damit liegt er vielleicht gar nicht einmal falsch. Wenn die scharfen Emissionsauflagen, die Hamburg für Boehringer durchsetzte, branchenweit gelten würden, hätte womöglich auch manch andere Firma ihr Giftproblem.

Gunhild Freese