Moskau, Ende Juni Über dem Kreml strahlt die Sonne. Wie immer, hält eine Windmaschine die sowjetische Flagge auf der Kuppel des Palastes stramm am Flattern. Sommerwolken türmen sich über der Postkartenlandschaft des Roten Platzes. In den weißen Nächten flanieren Hunderte von Moskauern, bunt gekleidet, manche ausgesprochen elegant, zwischen dem Kaufhaus Gum und dem Lenin-Mausoleum über das graue Pflaster: ein Bild des Friedens.

Aber aus dem Kreml dringt kein wärmender Strahl. Was sich über der politischen Landschaft auftürmt, sind finstere Gewitterwolken. Und die Windmaschinen des sowjetischen Agitprop-Apparates verbreiten Eiseshauch: Die Entspannung ist zu Ende, der Frieden gefährdet; die Amerikaner sind kriegslüstern; die Bundesrepublik, obgleich in ihren Worten zurückhaltend, unterstützt Washingtons aggressive Politik.

Seit fünfzehn Jahren sind die Sowjets Besuchern aus Westdeutschland nicht mehr mit solch auftrumpfender Härte gegenübergetreten. Auch Leute, denen es sonst an Differenzierungsvermögen durchaus nicht gefehlt hat, argumentieren jetzt mit holzschnitthafter Grobschlächtigkeit. Beim 75. Bergedorfer Gesprächskreis, der sich unlängst in Moskau mit der Zukunft Europas und den Perspektiven der politischen wie der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Sowjetunion und Bundesrepublik beschäftigte, wurde ein weiteres Mal deutlich, was die westlichen Kremlexperten seit einiger Zeit erkennen: Die Sowjets igeln sich ein.

Und sie schießen sich ein – auf die Amerikaner zumal, aber mehr und mehr auch auf Bonn.

"Die Amerikaner sind schuld am Verfall der Entspannung", behauptet Professor Vitali Shurkin. "Sie haben 1973 Allende gestürzt und damit gezeigt, daß sie sich von der Entspannung nicht die Hände binden ließen. Damit fingen die Schwierigkeiten an, nicht 1975 in Angola, das einen Hilferuf an Kuba richtete, als es von Südafrika überfallen wurde. Die Amerikaner brachen die Verhandlungen über den Indischen Ozean ab. Sie brachen 1979 die Gespräche über eine Einschränkung des Waffenhandels ab – noch vor Afghanistan. Sie brachen auch die Ratifizierung von Salt II ab. Jetzt fordern sie uns dauernd zum Dialog auf, aber wir hören nur Worte und sehen nichts Konkretes, höchstens Versuche, die Probleme auf unsere Kosten zu lösen."

"Der Hund liegt in Amerika begraben", sagt der stellvertretende Prawda-Chefredakteur Jewgenij Grigorjew. "Die Amerikaner wollen uns totrüsten. Sie wollen uns mit militärischem Druck fertigmachen." Vadim Sagladin vom Zentralkomitee der KPdSU spitzt diese These bedrohlich zu: "Gegenwärtig wird in den Vereinigten Staaten unverhohlen davon gesprochen, daß man dort die Sowjetmacht, die sozialistische Ordnung vernichten will. Wenn heutzutage in Europa eine Kriegsgefahr besteht, so handelt es sich um die Gefahr eines amerikanischen Krieges gegen den Sozialismus – eines Krieges, in dem den europäischen Ländern die Rolle einer Startrampe für den Erstschlag zugedacht ist."