Von Dorothea Hilgenberg

Baden-Württembergs Kultusminister hatte etwas Besseres vor. Er wollte feiern und nicht diskutieren. Statt zum Podiumsgespräch, zu dem ihn die Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule nach Freiburg eingeladen, hatte, fuhr er zehn Kilometer weiter nach Emmendingen, um dort an einem Festbankett des örtlichen Turnvereins teilzunehmen. Was hätte Gerhard Mayer-Vorfelder aber auch zur Zukunft der Gesamtschule sagen können? Daß sie in dem südlichen Bundesland keine haben soll, hat er bereits unmißverständlich zum Ausdruck gebracht, auch wenn er einem hartnäckigen Gerücht zufolge immer noch keine dieser Einrichtungen von innen gesehen hat. Von den einst sechs Versuchsschulen in Baden-Württemberg existieren noch drei. Ob diese nach Beendigung der Erprobungsphase in gut einem Jahr den Status einer Regelschule erhalten, ist fraglich. Hier drückt sich die Kultusbehörde noch sibyllinisch aus.

Die Staudinger Gesamtschule in Freiburg erfüllt alle Bedingungen, die allgemein den Erfolg einer Schule kennzeichnen. Sie hat keine Probleme, Klassen und Kurse zu füllen, sie hat einen starken Rückhalt bei den Eltern und schneidet bei den – zentralen – Abschlußprüfungen gut ab. Das ist jedoch nicht genug, wenn der politische Wind aus einer anderen Richtung bläst.

Mit der Wahl der Staudinger Gesamtschule als Tagungsort für den Bundeskongreß der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG), wollte sie ein Signal setzen und Solidarität bekunden. Den mageren Bestand baden-württembergischer Gesamtschulen möchte sie wenigstens erhalten. Während in nördlichen Bundesländern 25 Prozent der Schüler und mehr eine solche Einrichtung besuchen, sind es dort noch nicht einmal zwei Prozent.

Bildungspolitik im Zeichen des Schülerschwunds und Bildungspolitik mit Hilfe des Schülerschwunds – die Bundesrepublik bietet beides. Wenn die Gesamtschulen nicht durch Stützungsaktionen über die Durststrecke hinweg am Leben erhalten werden, drohen sie einzugehen. Nicht nur sie, aber sie vor allem, denn sie liegen schlecht im Rennen. Auch wenn vielen mit einer Fülle von Beispielen ein gutes Zeugnis ausgestellt werden könnte, hat das Gymnasium im Bewußtsein der Bevölkerung den Wettbewerb der Systeme für sich entschieden. "Die Gymnasien sahnen ab", sagt Christa Lohmann, Vorsitzende der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule. Angesichts fehlender Ausbildungs- und Arbeitsplätze suchen Eltern nach erfolgverheißenden "Berechtigungsscheinen" für ihre Kinder, die die Gymnasien aufgrund ihrer hohen Reputation versprechen.

Gerade die Gymnasien aber reagieren am aggressivsten auf die neue Marktlage, indem sie sich untereinander erbarmungslose Gefechte liefern. Lehrer, die um ihren Arbeitsplatz fürchten, zahlen in Berlin Anzeigen und Hauswurfsendungen aus eigener Tasche. Im Bezirk Wilmersdorf forderte ein Schuldirektor den Leiter eines anderen Gymnasiums auf, ihm eine Klasse abzutreten, weil er sich durch dessen Werbefeldzüge übervorteilt fühlte. Sie wurde ihm verweigert. In einem Lokalblatt malte ein Steglitzer Gymnasium seine Ruderriege in so kräftigen Farben, daß es dem Stadtrat zu bunt wurde: "Da hatte man das Gefühl, man braucht nur in die Ruderriege einzutreten, um das Abitur zu bekommen."

Der Wettbewerb wird weniger durch rationale oder durch pädagogische Kriterien entschieden als durch das Image, das die eine oder andere Schule bei den Eltern hat. Ein Image, lernt man von Marketingexperten, ist jedoch zählebig und schwer zu erschüttern. Um sich gegen das Image der Gymnasien und gegen das eigene Image zu behaupten, haben jedoch viele Gesamtschulen im Laufe der Jahre Abstriche an ihren Idealen vorgenommen und sich zuweilen bis zur Unkenntlichkeit angepaßt.