Hamburg

Am frühen Abend – es ist noch hell draußen – parkt der junge Mann seinen Wagen in einer Seitenstraße. Er nimmt eine Plattschaufel aus dem Kofferraum und geht um die Ecke, wo zwei Telephonzellen stehen. Er packt die Schaufel fest, holt zum Schlag aus und zack, klirr fliegt die erste Scheibe in tausend Splittern auseinander. Zack, klirr die zweite. Dann die dritte. Als der Mann sich der anderen Zelle zuwendet, sind plötzlich drei Polizisten da. Sie greifen ihn, ohne ein Wort und von hinten. Der Mann geht zu Boden und fällt mit dem Kopf in die Scherben.

Eine Hausfrau, Zeugin der Szene, zieht die Gardinen wieder vor. Ein Taxifahrer, der den Vorgang ebenfalls beobachtet hat, steigt wieder in sein Taxi. Ein Dreivierteljahr später stehen die beiden als Zeugen vor dem Amtsgericht Hamburg. Dritter Zeuge ist der junge Mann mit der Schaufel. Angeklagt sind die drei Polizisten, wegen Körperverletzung im Amt.

Dem Taxifahrer und der Frau, die bei dem Vorfall den Streifenwagen alarmierte, erscheint diese Anklage unverständlich. Was die beiden damals nicht hören können, wollen sie auch jetzt noch nicht so richtig glauben: "Post! Entstörungsdienst!" will der junge Mann hervorgepreßt haben, bevor er mit dem Kopf im Glas landete.

Die Polizisten haben damals wohl auch nicht gehört oder nicht geglaubt. Keiner fragte nach seinem Dienstausweis. Erst im Peterwagen sagte einer: "Hört auf, der ist von der Post." Zu spät: Die Handschellen waren angelegt, der passende Schlüssel lag auf der Wache. "Da haben wir mal einen erwischt", schimpfte einer der Beamten noch auf der Fahrt, "dann ist er von der Post.

Auf der Wache wurde der junge Mann von sei – nen Fesseln befreit. Er gab seine Berufsbezeichnung zu Protokoll: Fernmeldehandwerker. Man rauchte gemeinsam eine Zigarette, sprach über den Fall, wie es zu dem Mißverständnis habe kommen können. Dann brachten ihn zwei Polizisten zu den Telephonzellen zurück und sahen zu, wie er die letzten beiden Scheiben mit der Schaufel erledigte.

Denn das war seine Aufgabe an diesem Abend. Alle Scheiben hatten, bevor er sie zerschlug, schon Sprünge oder Löcher aufgewiesen. Unbekannte hatten sie beschädigt, der Post wurde es gemeldet, die schickte den Handwerker auf den Weg. Er sollte die Scheiben entfernen, die Scherben ins Häuschen schaufeln und die Zelle abschließen, um jede Verletzungsgefahr vom Telephonkunden fernzuhalten. Am nächsten Tag sollte dann der Glaser sein Werk verrichten.