Oh widrige Tage!

Unter Hospitalismus versteht man die krankhaften Folgen längerer Abgeschiedenheit von der Außenwelt, wie sie in Krankenhäusern oder Anstalten auftreten. Zu den Schäden gehören laut Brockhaus Weinerlichkeit und geringe Frustrationstoleranz.

Unter Hospitalismus leiden zur Zeit einige Journalisten. Ohnedies in Gefahr, die Wirklichkeit nur mehr vom Schreibtisch aus und in Form von Papier wahrzunehmen, unterliegen sie jetzt, glaubt man ihren Klagen, einer Art Isolationsfolter. Infolge des langen Streiks von ihren Lesern abgeschnitten, reagieren sie wie Hospitals-Insassen, denen die Zuwendung ihrer Angehörigen fehlt. Geradezu flehentlich bat darum kürzlich die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die ein Rundschreiben an ihre Leser schickte: "Wir bitten Sie herzlich, in diesen widrigen Tagen zu uns zu stehen."

Wenige Tage später stand in einer Notausgabe der Zeitung eine Proklamation "An unsere Leser", an der gemessen Kassandra hinfort eine Optimistin genannt werden muß. "Wir wissen, was es bedeutet, wenn die freie Meinungsäußerung behindert wird. Wir haben die Zeit nicht vergessen, in der unabhängige Zeitungen unterdrückt wurden. Und wir haben die schrecklichen Folgen dieser Unterdrückung nicht vergessen."

Diese groteske Gleichsetzung des gegenwärtigen Streiks mit der Pressezensur des Nationalsozialismus ließ nur zwei Schlüsse zu: Entweder hatte die FAZ Kenntnis von einem unmittelbar drohenden Umsturz erhalten – oder sie litt unter Hospitalismus.

Wie oft in solchen Fällen schlug auch diesmal die Bild- Zeitung dem Faß die Krone ins Gesicht. Als die FAZ mit Hilfe eines Hubschraubers Notausgaben aus dem belagerten Druckhaus flog, schrieb Bild: "Hubschrauber fliegen das freie Wort aus diesen Festungen heraus, wie einst die letzten Verwundeten aus Stalingrad herausgeflogen wurden." Frontkameraden erinnern sich.

Was hatte den Sturm im leeren Wasserglas entfacht? Im Feuilleton derselben Nummer schrieb der Ressortchef Günther Rühle eine Glosse, deren Ton zwar weniger dumpf als das Editorial war, die aber, quasi stellvertretend, dessen Motivation erläuterte. Die kulturellen Ereignisse, so ihr Fazit, seien ohne die kontinuierliche Analyse und Beurteilung in der Zeitung eigentlich gar nicht recht vorhanden. "Es sahen sich nicht nur die Künstler um das größtmögliche Echo gebracht, auch den Lesern wurde die Teilnahme am kulturellen Prozeß erschwert." Weil "Kultur heute wesentlich von den Feuilletons mitgeprägt" werde, habe sich alsbald "ein Gefühl des Mangels" eingestellt, obwohl die Veranstaltungen, wie Rühle mit sanft mißbilligender Verwunderung feststellt, "wie gewohnt" stattgefunden hätten.

Es verhielt sich offenbar so, daß die deutschen Tenöre und die deutschen Theaterschauspieler die Kühnheit besessen hatten, weiter zu singen und weiter zu spielen, ohne der sofortigen Notengebung durch das Feuilleton der FAZ sicher sein zu können. Und die deutschen Schriftsteller schienen sich schamlos ihren Gedichten und Romanen zu widmen, anstatt, wie es sich gehört hätte, für das freie Wort auf die Barrikaden zu gehen. So jedenfalls forderte es einige Tage später eine weitere Feuilletonglosse der FAZ. Die Schriftsteller seien, hieß es da, sprachlos vor Angst. Schon jetzt müsse man (wegen der nicht erschienenen Zeitungen) von einem "politischen und kulturellen Erfahrungsverlust der Gesellschaft" sprechen.

Oh widrige Tage!

So kurios diese Argumentation auch ist, sie verrät mehr als nur eine Marotte der FAZ: nämlich die wachsende Selbstüberschätzung der Journalisten. Dies gilt auch für den Kulturbetrieb. Es ist längst keine Seltenheit mehr, daß bei kulturellen Veranstaltungen die Zahl der Berichterstatter die des Publikums übersteigt. Bei den diesjährigen Filmfestpielen in Cannes waren nahezu dreitausend Journalisten akkreditiert. Im Literaturbetrieb ist man es längst gewohnt, daß die Verbreitung der Rezensionen ungleich größer ist als die des jeweils besprochenen Buches. Aber auch der deutsche Film, der infolge eines unerwünschten Effekts der Filmförderung auf das Publikum nicht allzu sehr angewiesen ist, hat meist weniger Zuschauer als die Kritiken Leser haben. Zudem hat sich gerade die Filmkritik in den vergangenen Jahren in das Netzwerk des Subventionismus verstrickt, hat Urteile und Meinungen usurpiert, als wäre sie selber das Maß, nicht etwa der Film und der Zuschauer. In anderen Branchen ist das ganz ähnlich.

Die Medienindustrie ist derart gewachsen, daß sich das traditionelle Verhältnis von primärem Kunstereignis und sekundärer Berichterstattung umgekehrt hat. Nun überlagert die Sekundärmasse der Deutungen und Analysen die halbwegs wichtigen Kunstprodukte, die schier darin ersticken und verschwinden. Marginales wird aufgebläht, und jeder kulturelle Furz findet im gigantischen Ecno der Medien seinen dröhnenden Widerhall. Kaum bedarf der Kunstkritiker noch der Kunst. Er ist sich selbst genug. Das gilt längst schon für die Politik, wo die wirklichen Ereignisse im Wust der Kommentare und Stellungnahmen allzu oft nicht mehr ausfindig zu machen sind, und wo der Journalist zum Staatsmann avanciert. Das einst dienende Gewerbe ist zum alles beherrschenden Betrieb geworden, der von sich selber lebt. Etwas hat überhaupt dann erst stattgefunden, wenn darüber berichtet wurde, selbst wenn es nichts war. Was Wunder, daß der Streik dieses Selbstwertgefühl kränkt.

Sicherlich: man sollte den Beruf des Journalisten nicht ausüben, wenn man von seiner Wichtigkeit nicht überzeugt ist. Aber so groß darf die berufsnotwendige Eitelkeit nicht sein, daß man wegen einiger ausgefallener Ausgaben den Weltuntergang herannahen sieht.

Der Streik hat, und das war schließlich sein Ziel, das plausible und legitime Eigeninteresse der Zeitungen verletzt. Daß dieses Interesse auch ein öffentliches ist, das bedarf weder der Begründung noch apokalyptischer Fanfaren. Das Schlimmste, was sich herausstellen könnte, wäre ja schließlich nur, daß einige Künstler ganz froh waren, in Ruhe ihrem Handwerk nachgehen zu können.

Ulrich Greiner