So kurios diese Argumentation auch ist, sie verrät mehr als nur eine Marotte der FAZ: nämlich die wachsende Selbstüberschätzung der Journalisten. Dies gilt auch für den Kulturbetrieb. Es ist längst keine Seltenheit mehr, daß bei kulturellen Veranstaltungen die Zahl der Berichterstatter die des Publikums übersteigt. Bei den diesjährigen Filmfestpielen in Cannes waren nahezu dreitausend Journalisten akkreditiert. Im Literaturbetrieb ist man es längst gewohnt, daß die Verbreitung der Rezensionen ungleich größer ist als die des jeweils besprochenen Buches. Aber auch der deutsche Film, der infolge eines unerwünschten Effekts der Filmförderung auf das Publikum nicht allzu sehr angewiesen ist, hat meist weniger Zuschauer als die Kritiken Leser haben. Zudem hat sich gerade die Filmkritik in den vergangenen Jahren in das Netzwerk des Subventionismus verstrickt, hat Urteile und Meinungen usurpiert, als wäre sie selber das Maß, nicht etwa der Film und der Zuschauer. In anderen Branchen ist das ganz ähnlich.

Die Medienindustrie ist derart gewachsen, daß sich das traditionelle Verhältnis von primärem Kunstereignis und sekundärer Berichterstattung umgekehrt hat. Nun überlagert die Sekundärmasse der Deutungen und Analysen die halbwegs wichtigen Kunstprodukte, die schier darin ersticken und verschwinden. Marginales wird aufgebläht, und jeder kulturelle Furz findet im gigantischen Ecno der Medien seinen dröhnenden Widerhall. Kaum bedarf der Kunstkritiker noch der Kunst. Er ist sich selbst genug. Das gilt längst schon für die Politik, wo die wirklichen Ereignisse im Wust der Kommentare und Stellungnahmen allzu oft nicht mehr ausfindig zu machen sind, und wo der Journalist zum Staatsmann avanciert. Das einst dienende Gewerbe ist zum alles beherrschenden Betrieb geworden, der von sich selber lebt. Etwas hat überhaupt dann erst stattgefunden, wenn darüber berichtet wurde, selbst wenn es nichts war. Was Wunder, daß der Streik dieses Selbstwertgefühl kränkt.

Sicherlich: man sollte den Beruf des Journalisten nicht ausüben, wenn man von seiner Wichtigkeit nicht überzeugt ist. Aber so groß darf die berufsnotwendige Eitelkeit nicht sein, daß man wegen einiger ausgefallener Ausgaben den Weltuntergang herannahen sieht.

Der Streik hat, und das war schließlich sein Ziel, das plausible und legitime Eigeninteresse der Zeitungen verletzt. Daß dieses Interesse auch ein öffentliches ist, das bedarf weder der Begründung noch apokalyptischer Fanfaren. Das Schlimmste, was sich herausstellen könnte, wäre ja schließlich nur, daß einige Künstler ganz froh waren, in Ruhe ihrem Handwerk nachgehen zu können.

Ulrich Greiner