In einem Garten hinter Mauern warten Spatzen, Bienen, Kröten, Nachtfalter, Fledermäuse und der einsame Goldfischwitwer auf Hase. Nur die martialischen Ameisen leugnen seine Existenz –

Paul Biegel: "Hase. Frühjahr"; Arena Verlag, Würzburg; 181 S., 19,80 DM.

In Kampf und Liebesakt, bei der Aufzucht der Jungen wie im Tod projizieren die Tiere – selber Projektionen menschlicher Verhaltensweisen – ihre Hoffnungen und Träume, ihre Erlösung und den Sinn ihres Lebens auf Hases Wiederkehr.

Hase ist der alten Bienenkönigin goldene Vergangenheit und der törichten Nachtfalter-Jungfrau glänzende Zukunft. Hase bedeutet für den ängstlichen Fledermaus-Vater ebenso Geborgenheit des engen Gartens wie für den kecken Drohnen-Jüngling Sehnsucht nach der blauen Ferne. Hase als Religionsersatz? Eher wohl sieht Biegel in ihm das Zerrbild eines auf egoistisch-alltägliche Wunscherfüllung heruntergekommenen Prinzips Hoffnung.

Denn mit fast erschreckender Rigorosität offenbaren sich in Gesprächen, Gedanken und Handlungen seiner Tiere auf sehr menschliche Weise Habgier, Neid, Mißgunst, Feigheit, Verblendung, Grausamkeit, Todessehnsucht und die schmutzigen Kehrseiten der Liebe.

Negative Lebensprinzipien sind in diesem erstaunlichen Kinderbuch feste Bestandteile von Natur und Kultur, keine Ausnahmen. Biegel wägt den inneren Monolog, um Herkunft und Wirksamkeit des Bösen zu dokumentieren. Er spricht die Lücke zwischen Bewußtsein und Sein nicht aus, sondern demonstriert sie. Damit bricht er mit inhaltlichen wie formalen Tabus der Kinderliteratur.

Seine Botschaft ist offen und wartet auf Entschlüsselung durch Leser jeden Alters.