Von Volker Ullrich

Der Kriegsausbruch von 1914 ist seit einiger Zeit wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Kritische Beobachter der gespannten weltpolitischen Lage zu Beginn dieses Jahrzehnts entdeckten auffällige Parallelen zur Krise vor 1914. Nicht vergessen sind die mahnenden Worte des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt an die Supermächte auf dem Höhepunkt der Afghanistan- und Iran-Krise im Frühjahr 1980. Die Furcht davor, daß bei einer der beiden die Sicherungen durchbrennen könnten, ist seither eher noch größer geworden. Mit dem Interesse am gescheiterten Krisenmanagement des Juli 1914 verbinden sich neuerdings etwas krampfhafte Bemühungen, die wissenschaftspolitischen Frontstellungen der sechziger Jahre – bekannt unter dem Namen "Fischer-Kontroverse" – zu reaktivieren. Den Auftakt machte Fritz Fischer selber mit seinem rororo-Bändchen: "Juli 1914: Wir sind nicht hineingeschlittert". Ein befremdlicher Titel, denn kein seriöser Historiker in der Bundesrepublik bestreitet heute – dank Fischer – noch, daß die deutsche Regierung eine Hauptveranwortung für die Auslösung des Krieges trifft. Gestritten wird allerdings noch immer um die Motive der halsbrecherischen deutschen Risikopolitik in den kritischen Julitagen. Dieser Streit wird vermutlich an Schärfe zunehmen, seitdem die wichtigste Quelle, die über die Motivfrage einigermaßen zuverlässig Auskunft zu geben schien – das Riezler-Tagebucn – ins Gerede gekommen ist. (DIE ZEIT hat ausführlich darüber berichtet.)

In diese Kontroverse der Historiker mischt sich jetzt auch der Fischer-Schüler – Bernd F. Schulte ein. Sein Buch – halb Aufsatzsammlung, halb Quellendokumentation – konzentriert sich auf zwei Themen: den "decision making process" in der Reichsleitung vor 1914 und die Rolle der deutschen Armee in den inneren und äußeren Krisen der Vorkriegszeit – das Spezialgebiet des Verfassers.

Wie Fischer und der englische Historiker John Röhl zieht auch Schulte eine gerade Linie vom sogenannten "Kriegsrat" am 8. Dezember 1912 – einer Krisensitzung Kaiser Wilhelms II. mit den Spitzen von Armee und Flotte – zum Kriegsausbruch 1914: Unter dem Eindruck des ersten Balkankrieges und der dadurch ausgelösten Kräfteverschiebungen zwischen Dreibund und Triple-Entente habe sich die deutsche Reichsleitung endgültig dazu entschlossen, den Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Rußland zu einem möglichst frühen Zeitpunkt herbeizuführen – in der Hoffnung, England neutralisieren zu können; darum auch die Rückverlagerung der Rüstungspriorität von der Flotte auf die Armee. Also wäre die "Nachrüstung" von 1913 (die große Heeresreform) demnach nichts anderes gewesen als Vorrüstung auf den kommenden erwünschten Krieg.

Die neuen Fakten und Belege, die Schulte anführt, können freilich die Zweifel an dieser bestrickend einfachen Deutung nicht ausräumen. Manche der vom Autor zitierten Quellen sperren sich gegen die Vorstellung eines von langer Hand vorbereiteten und planmäßig inszenierten Hegemonialkrieges. So äußerte etwa Reichskanzler Bethmann Hollweg bei der Begründung der Heeresvorlage in einer vertraulichen Sitzung der Reichshaushaltskommission im April 1913 – nach einem Bericht des württembergischen Gesandten in Berlin, v. Graevenitz –: "Wie England sich später verhalten werde, wisse es wohl jetzt selbst nicht. Nach seinen Grundsätzen werde es nicht ruhig zusehen, wenn es auch wohl nicht sogleich Partei ergreife. Kein Mensch könne die Möglichkeit eines Krieges aus der Welt schaffen. Er tue alles, um einen Krieg zu vermeiden, aber eine Garantie gebe es nicht. Im Falle eines Krieges gebe es einen Weltkrieg, und wir müssen gegen zwei Fronten kämpfen. Es sei das bedauerlich, aber nicht aus der Welt zu schaffen. Es werde ein Existenzkampf. Sollte man dem mit geringerer Rüstung entgegengehen, als man leisten könne?" Spricht so jemand, der es partout auf den großen Kontinentalkrieg abgesehen hat?

Für diejenigen unter den Historikern, die – wie Wolfgang J. Mommsen – schon aufgrund der inneren Strukturkrise des Kaiserreichs und der polykratischen Verwerfungen im Regierungssystem ein perfekt zweckrationales Handeln in Richtung auf den Krieg in Frage stellen, hat Schulte nur beißende Ironie übrig. Er wirft ihnen vor, im Gewande moderner politikwissenschaftlicher Begrifflichkeit die alten konservativen Ladenhüter feilzubieten, und spricht triumphierend von einem "Cannae der Polykratielehre", obwohl er deren Untauglichkeit keineswegs schlüssig nachgewiesen hat.

Überhaupt ist Schulte nicht zimperlich, wenn es darum geht, mit den Kontrahenten Fritz Fischers ins Gericht zu gehen. Die Rundumschläge, zu denen er immer wieder ausholt, wollen freilich nicht recht zur Empfindsamkeit passen, mit der er auf Kritik an seinen eigenen Forschungen reagiert. Allein zehn Druckseiten verwendet er darauf, um eine unfreundliche Besprechung seines Buches "Vor dem Kriegsausbruch. Deutschland, die Türkei und der Balkan" (1980) durch den amerikanischen Historiker Ulrich Trumpener zurückzuweisen. Peinlich genug: Alle Rezensenten, die das Buch irgendwann einmal positiv erwähnt haben, werden fein säuberlich der Reihe nach genannt.