ZEIT: Ist nicht auch bei der Festlegung der Streikinhalte Entscheidendes falsch gelaufen, weil sich die Gewerkschaften nicht nüchtern genug gefragt haben, ob sie unter den gegebenen politischen und ökonomischen Bedingungen überhaupt mächtig genug sind, ein 20 schwerwiegendes Ziel wie die 35 Stunden Woche mit Lohnausgleich durchzusetzen?

Bliim: Natürlich, aber so ist das, wenn Ideologen die Politik bestimmen - sie haben in diesem Fall die eigene Kraft und die Wünsche der Arbeitnehmer nicht in Übereinstimmung gebrüht. Die Ideologen haben von der Basis abgehoben. Sie haben den Streik mit Argumenten geführt, die von den tatsächlichen Wünschen der Arbeitnehmer und von den volkswirtschaftlichen Möglichkeiten weit abweichen.

ZEIT: Mindert das im Ergebnis auch die Akzeptanz der Gewerkschaften bei den Arbeitnehmern?

Bliim: Ich bin da noch immer Optimist. Wenn aber der Pulverdampf dieser Auseinandersetzung verflogen ist, dann müssen sich die Pragmatiker an einen Tisch setzen und Manöyerkritik üben. Jedenfalls kann keiner, weder die Gewerkschaften noch die Arbeitgeber noch die Bundesregierung, ein Interesse daran haben, daß dieser Arbeitskampf ein Standardmodell der Tarifauseinandersetzungen wird.

ZEIT: Hat auch die Bundesregierung Fehler gemacht - etwa durch parteiliche Äußerungen? Bliim: Ich habe nicht die autoritäre Vorstellung, daß eine Regierung über denAuseinandersetzungen schweben sollte. Die Vollbeschäftigung ist ein Ziel der Bundesregierung. Wenn sie die 35 Stunden Woche auf einen Schlag und mit vollem Lohnausgleich für falsch hält, muß sie das sagen. Eine andere Frage aber ist es, wie eine Regierung versucht, Positionen zu klären. Da bin icn gern bereit, kritisch zu fragen, ob wir vor der heißen Phase des Arbeitskampfes alle Möglichkeiten des Ausgleichs ausgeschöpft haben.

ZEIT: Das Wort des Kanzlers, die Forderung der Gewerkschaften sei "dumm und töricht", war da wohl wnig hilfreich?

Blümfuer Kanzler hat das in einer heißen Debatte gesagt und es später selbst relativiert und korrigiert. Die Gewerkschaften haben ganz anders zugelangt. Die IG Metall hat uns in die Nähe der Faschisten gebracht und mich als Rechtsbrecher beschimpft. Im Austeilen ist jeder Rummelboxer im Vergleich zu manchem Gewerkschaftsfunktionär ein zartes Pflänzchen. Im Einstecken aber ist, verglichen mit diesen Gewerkschaftsfunktionären die Prinzessin auf der Erbse ein Dickhäuter - Ihre Majestät, die IG Metall.