Von Fritz J. Raddatz

Die Entwicklung des zeitgenössischen Denkens wie der zeitgenössischen Künste weg von der Geschichte hin zum Mythos nimmt ihren Ausgang von der richtigen Erkenntnis: Die Aufklärung hat die Welt zerstört, den Menschen nicht gebessert, die Revolutionen zu neuen Mordmaschinen pervertiert – vom Thermidor zum Gulag! Descartes’ Konzept des "Homme machine" hat kläglich versagt: "Für mich ist der menschliche Körper eine Maschine. In Gedanken vergleiche ich einen kranken Menschen und eine schlecht gemachte Uhr mit meiner Idee von einem gesunden Menschen und einer gut gemachten Uhr" – diese seelenlose Idee Descartes’, in grausamster Verballhornung bei Stalin ("Der Schriftsteller ist der Ingenieur der menschlichen Seele") zu Ende gedacht, wird als verschlissen befunden. Eine der "Bibeln" der neuen Bewegung, Fritjof Capras Buch "Wendezeit", beginnt überhaupt mit der Negativ-Bilanz, die uns dieser Technik-Glaube hinterlassen hat:

"Die Kosten dieses kollektiven nuklearen Irrsinns sind atemberaubend. Im Jahre 1978, also vor der jüngsten Kosteneskalation, gab die Welt 425 Milliarden Dollar für militärische Zwecke aus – also mehr als eine Milliarde Dollar täglich. Mehr als einhundert Länder, die meisten von ihnen der Dritten Welt zugehörig, kaufen laufend Waffen, und der Verkauf an militärischen Ausrüstungen für nukleare und konventionelle Kriege beläuft sich auf eine Summe, die größer ist als das Volkseinkommen aller Völker der Welt zusammengerechnet, zehn davon ausgenommen."

"Inzwischen verhungern jährlich über 15 Millionen Menschen, die meisten von ihnen im Kindesalter; weitere 500 Millionen sind ernstlich unterernährt. Fast 40 Prozent der Weltbevölkerung haben keine ausreichende ärztliche Versorgung, und dennoch geben Entwicklungsländer mehr als dreimal soviel Geld für Rüstung wie für ihr Gesundheitswesen aus."

"In den Vereinigten Staaten ... versucht das Pentagon, uns davon zu überzeugen, daß die Herstellung von immer mehr und immer noch besseren Waffen die Sicherheit des Landes verstärken werde. Tatsächlich jedoch trifft das Gegenteil zu – mehr Kernwaffen bedeuten mehr Gefahren. Seit fünf Jahren wird in der amerikanischen Verteidigungspolitik ein alarmierender Wandel deutlich, der Trend, ein Kernwaffenarsenal aufzubauen, das nicht mehr wie früher für den Gegenschlag, sondern für den Ersten Schlag bestimmt ist. Es gibt mehr und mehr Beweise dafür, daß die Strategien des Ersten Schlages nicht länger nur eine militärische Option, sondern den zentralen Kern der amerikanischen Verteidigungspolitik bilden. In einer solchen Lage macht jede neue Rakete einen Kernwaffenkrieg noch wahrscheinlicher. Kernwaffen verbessern nicht unsere Sicherheit, wie das militärische Establishment uns glauben machen möchte; sie vergrößern nur die Wahrscheinlichkeit globaler Zerstörung."

Das ist die schwer zu bestreitende Diagnose. Welches aber wäre die Therapie? Die Absage an das cartesianische Weltbild kann, man erinnere sich, auch höchst reaktionäre Züge tragen, zur Predigt des dumpfen – damit: auch leicht manipulierbaren – Menschengeschicks fuhren; so hieß es bei Ortega y Gasset: "Der größte Irrtum der Renaissance bis auf unsere Tage war, daß man mit Descartes glaubte, wir lebten von unserem Bewußtsein, von jenem kleinen Teil unseres Wesens, den wir deutlich sehen und in dem unser Wille wirkt. Die Behauptung, daß der Mensch vernünftig und frei ist, scheint mir, so ausgesprochen, einem Irrtum recht nahezukommen ... In Wahrheit bewegt uns, abgesehen von jenem oberflächlichen Eingreifen unseres Willens, ein irrationales Leben, das in unser Bewußtsein mündet und der verborgenen Höhle, dem unsichtbaren Grunde, entstammt, der wir eigentlich sind."

Ist die Alternative in jener Selbstversenkung zu finden, die in tausenderlei "Selbsterfahrungsgruppen" oder einer in Holland entstehenden "Bibliotheca Philosophica Hermetica" manifest wird? Oder sollte die Lösung nicht heißen: mehr Ratio statt weniger? Richard Sennett meint, daß es genau diese Ideologie der Intimität sei, die politische Kategorien in psychologische verwandle: "Menschliche Wärme ist unser Gott. Aber die Geschichte von Aufstieg und Fall der öffentlichen Kultur stellt diese Menschenfreundlichkeit in Frage." Das ist, was Jürgen Habermas "Eintritt in die Postmoderne" nennt – eine Rücknahme bisher erarbeiteter intellektueller wie ästhetischer Kategorien: "Nietzsche benützt die Leiter der historischen Vernunft, um sie am Ende wegzuwerfen und im Mythos, als dem Anderen der Vernunft, Fuß zu fassen ... Eine ästhetisch erneuerte Mythologie soll die in der Konkurrenzgesellschaft erstarrten Kräfte der sozialen Integration lösen. Sie wird das moderne Bewußtsein dezentrieren und für archaische Erfahrungen öffnen.