Keiner, dem sich nicht das Herz zusammengekrampft hätte angesichts der Vorgänge in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin. Keiner, der nicht erleichtert gewesen wäre, als sich übers Wochenende eine Lockerung abzeichnete. Aber keiner auch, der dieser überfälligen Lösung ganz froh werden könnte.

Zwei Prinzipien stoßen da hart aufeinander: der Souveränitätsanspruch der DDR und der Anspruch der Bundesrepublik, daß jeder DDR-Bürger, der zu uns kommt, Bundesbürger werden kann, weil er Deutscher ist. Wir können diesem Anspruch überall außerhalb des Ostblocks Geltung verschaffen, wo Menschen aus der DDR sich an unsere Missionen wenden, gelegentlich sogar in östlichen Hauptstädten. An einem Ort jedoch geht es allerdings nicht: in Ostberlin. Und so gern wir auch das Prinzip hochhalten würden: Die Vertretung kann kein Flüchtlingsasyl sein. Wer sie als Zufluchtsburg benutzt, der verhindert, daß sie Zigtausenden helfen kann, denen die deutsche Teilung persönliche Probleme schafft. Und wer im Alleingang auf diese Weise seine Ausreise zu erzwingen sucht, der blockiert unzähligen anderen den geregelten Weg nach Westen.

Das bedrückende Problem der letzten Tage erscheint weithin gelöst. Freilich kann sich die Bitternis jederzeit wiederholen. Es hilft gar nichts, die DDR muß den Kesseldruck verringern, indem sie die Ventile weiter öffnet. Nur mehr Reisemöglichkeiten, mehr Ausreisemöglichkeiten können den DDR-Bürgern das Gefühl nehmen, in einem unentrinnbaren Pferch zu leben. Es ist dieses Gefühl, das manche zur Verzweiflung treibt. Th. S.