ZDF, Montag, 9. Juli: ,,Darum mach’s gut, ich flieh’".Über den Liedermacher Kalle Winkler berichtet Andrzej Falber

Nein, nein: unser Fernsehen ist ja gar nicht so. Es soll doch keiner sagen, da könne keine fundamentale Kritik am Bestehenden geübt werden. Sogar das zurückhaltende ZDF hat seine radikalen Stunden. Eine dreiviertel davon darf nun einer von drüben ganz radikal reden und singen: Karl Ulrich Wiikler, geboren 1960 in der DDR als Sohn hoher Parteiprivilegierter, später als oppositioneller Liedermacher in Stasi-Haft dann von der Bundesregierung freigekauft, seit November 1981 Bürger West-Berlins.

Wenn einer das hinter sich gebracht, dann darf er sogar im politischen Biedermeier aus Mainz ein Bekenntnis zum Anarchismus ablegen – als "Traum von einer menschlichen Gesellschaft, einer Gesellschaft, in der die Schwachen nicht mehr getreten werden", wie der Autor des Films das ganze dann doch lieber behutsam abmildert.

Präsentiert wird ein deutsch-deutsches Schicksal. Einer, den sein erstes Vaterland "wie ein Stück Dreck" verkauft hat, und der sich in seinem zweiten, dem Käufer, nun auch nicht heimisch fühlen kann, weil er sich mit der profitorientierten Konsumgesellschaft heute so wenig abfinden kann wie früher mit dem SED-Kommunismus. Er hat erst die brutale Staatsgewalt-Ost, dann die perfide Staatsgewalt-West hinter die Ohren geschlagen bekommen, hat als Sympathisant von Hausbesetzern und der Friedensbewegung erlebt, daß Polizistenknüppel im Westen sich auch nicht viel anders anfühlen als Polizistenknüppel im Osten – und weiß natürlich auch, daß man hier im Fernsehen wenigstens hin und wieder über solche Auswüchse staatlicher Gewalt reden kann, drüben aber nie.

Er erzählt in diesem hastigen Berliner Slang, einer der ganz wenigen Gesamt-Berhner, der er ist. Dazu sieht man ihn an der Mauer entlanglaufen oder in seiner Kreuzberger Wohnung sitzen, und man glaubt ihm das wohl auch alles, glaubt es ihm gerade wegen seiner blauäugigen Traurigkeit, die da immer wieder durchschimmert – aber nachvollziehen, sprich: sinnlich mitfühlen kann das wohl nur der, der wenigstens etwas von dem miterlebt hat, wovon Kalle Winkler erzählt. Ein kleiner Griff ins sicherlich reichhaltige Archiv, und das ZDF hätte überzeugend illustrieren können, wovon eigentlich die Rede ist, wenn einer erzählt, warum dies hier nicht sein Staat ist und nach Lage der Dinge auch nicht sein kann, solange sich staatliche Gewalt gegenüber den kritischen und sensiblen Abseitsstehenden allzu oft durch Polizistenprügel und skandalöse Gerichtsurteile darstellt. Filmaufnahmen von prügelnden Polizeibeamten gibt es genug. Gibt es zu viele.

Aber das wollte das ZDF dem Zuschauer dann doch wohl nicht zumuten. Also beschränkt es sich darauf, einen netten, sympathischen, lieb wirkenden jungen Menschen zu präsentieren, der locker alle möglichen radikalen Sprüche abläßt und zwischendurch auch sehr überzeugend seine Lieder vorträgt, dann aber auch immer mal wieder ins Leere läuft, weil der Autor keinerlei kritische Rückfragen an den von ihm Porträtierten stellt und der daher gar nicht herausgefordert wird. Heraus kommt dabei ein west-östlicher Feak mit seiner ungebrochenen Naivität und kindlichen Verletzbarkeit. Die für jeden Zuschauer nachvollziehbare politische Erfahrung bleibt hingegen weitgehend auf der Strecke.

Vielleicht soll man ja auch vom Fernsehen nicht zu viel erwarten. Einem in der Bundesrepublik aufgewachsenen Jung-Anarcho, der eben keine rechtfertigende DDR-Vergangenheit aufzuweisen hat, würde sicherlich kein Sender so leicht Gelegenheit geben, das zu erzählen, was Kalle Winkler hier gegen die staatliche Realität loslassen darf. Klaus Pokatzky