Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie bedeutend und wunderwürdig! Im Handeln wie ähnlich einem Engel! Im Begreifen wie ähnlich einem

Gott! (Hamlet)

Als Regisseur Lindsay Anderson im vergangenen Jahr in Stratford den "Hamlet" inszenierte, gab sich britische Prominenz dabei ein Stelldichein. Andersons bislang letzter Film, "Britannia Hospital", endet zwar mit einem "Hamlet"-Zitat, doch dabei fühlen sich höchstens Mitglieder des Establishments mit ausgeprägtem Hang zur Selbstzüchtung wohl. Immerhin befindet sich Anderson mit seiner wüsten Satire in klassischer Gesellschaft. Schießlich machte schon Swift "einen bescheidenen Vorschlag", der empfahl, den Hunger in Irland durch die Schlachtung der neugeborenen Kinder zu beheben.

Das ehrwürdige Krankeihaus, das Britannia Hospital, das dem Film den Namen gibt, feiert seinen 500. Geburtstag. Das Krankenhauspersonal streikt. In der Küche disputieren die Köche. Im Nebenraum geht der Streikführer gern auf einen Kuhhandel ein: Essen gegen Orden. Für einen königlichen Händedruck lassen sich die Musterdemokraten ihr soziales Engagement abkaufen. Das Hospital bevölkern groteske Schauergestalten, jede die bösartige Karikatur eines ganzen Berufsstands.

Das berühmte britische Understatement ist Andersons Sache nicht, als Stilprinzip wählt er lieber hemmungslose Übertreibung. Ein Professor eilt mit wehendem Kittel von Kühlschrank zu Kühlschrank, um die Leichenteile für sein Experiment zu sichten. Bei zögernd sterbenden Lieferanten hilft er eigenhändig nach. Eine entschieden pferdegesichtige Hofdame begleitet einen zwergwüchsigen Protokollhüter, vom Palast als Vortrupp ausgesandt. Die popo-wackelnde Krankenschwester, die den Sensationsreporter Mick Travis ins Krankenhaus einschmuggelt, überläßt sich zwischen schaurig eingemachten Leichenteilen der Lust und tastet nach Travis’ Manneszier, als der schon kopflos auf der Bahre liegt. Nicht nur die reichlich zur Dekoration aufgehängten Union Jacks machen augenfällig: Dies kranke Krankenhaus ist das sieche Britannien..

Als Schöpfer des zynischen Pamphlets tobt sich kein zorniger junger Mann aus. Lindsay Anderson probt den Aufstand seit mehr als dreißig Jahren; Auch wenn die ersten Stationen seines Lebenslaufs sich wie das Musterbeispiel einer Gentleman-Karriere ausnehmen – geboren 1923 in Indien, Militärdienst in Indien, Studium in Oxford, Dozent in Oxford – ein Etablierter ist Anderson nie geworden. Für den Dokumentarfilm "Thursday’s Children" bekam er 1954 einen Oskar, zwei Jahre später führte er mit dem "Free Cinema" den Angriff gegen das Kommerzkino.

Anderson, stark am Theater engagiert und auch als Filmtheoretiker renommiert, inszenierte nur vier Spielfilme. Mit "This sporting Life" (1963) gab er schon einen Vorblick auf kommende Schrecken. Mit den drei Filmen "If...", "Oh Lucky Man" und "Britannia Hospital" entwarf Anderson zwischen 1968 und 1982 eine einzigartige Trilogie. Ein Regisseur (Lindsay Anderson), ein Drehbuchschreiber (David Shervin) und ein Schauspieler (Malcolm McDowell) fanden sich dreimal zu Filmen zusammen, die allesamt starke Zweifel daran lassen, daß wir in der besten aller Welten leben, auch wenn Malcolm McDowell als Mick Travis es in "Oh Lucky Man" immerhin vom Kaffeeverkäufer zum Filmstar bringt. In "If..." spielte McDowell einen feinsinnigen Rebellen, der den Aufruhr in die heile Welt des College trägt. In "Britannia Hospital" ist er wieder dabei. Als Fensterputzer getarnt, schleicht der Reporter sich ein, um Professor Millars Experimente zu filmen.

Der prophetisch tönende Medizinmann plant als Ausweg aus der allgemeinen Misere die Montage eines neuen Menschen. Mick Travis ist hautnah dabei, als Kopf eines Frankensteinmonsters. Die Stückelung endet in Strömen von Blut, doch der Professor bereitet schon eine neue Wunderwaffe vor. Wo der alte Adam versagt, soll "Genesis", ein Superhirn in Nährlösung, den Fortschritt der Menschheit befördern. Am Ende fällt der neuen Kreatur nichts besseres ein als Hamlets Lobpreis auf den Menschen. Auch wenn der hoffnungslos versagt hat, eine Alternative ist weit und breit nicht in Sicht. Wenn je Zweifel darüber bestand, warum Anderson sich einen "frustrierten Romantiker" nennt, so werden sie spätestens hier behoben: Anderson setzt auf den Menschen, wider alle Vernunft. Lina Schneider