Man liebt, oder man liebt nicht. Für diejenigen, die das Spektakel Fußball lieben, war die Europameisterschaft eine Quelle des Entzückens. Für diejenigen, die Fußball nicht lieben, waren sämtliche Fernseh-Kanäle mit pubertärem Gehampel überschwemmt.

Sich über die Bewegungen eines Balles zu begeistern, in einer Stunde, da die extreme Rechte, oder die Kommunistische Partei, oder die Linke, oder die Opposition ... das könnte man für ein Inselchen der Analphabeten halten, wo man das Volk mit Brot und Spielen verdummt...

Hinzu kommt, daß die französischen Spieler selten schön sind, oft mickrig, niemals athletisch wie die Deutschen, von denen jeder doppelt so viel zu wiegen scheint wie sein entsprechender französischer Kollege ...

Wenn Fußball schön ist, dann ist es wie ein Ballett. Ein Ballett, bei dem die Tänzer in jedem Augenblick ihre Figuren improvisieren, die zu einer Flut anschwellen, wenn sie das gegnerische Ziel erreichen. Wenn einer der Tänzer den Platz, den er einnehmen soll, zu spät erreicht, oder wenn er eine Zehntelsekunde zögert, dann muß alles wieder von vorne beginnen ...

"Platini ist Nijinski und Manolete zugleich", sagte mir vor einigen Tagen einer seiner größten Bewunderer, Gianni Agnelli, Präsident von Fiat und folglich auch von Juventus Turin. Als großer Sammler zeitgenössischer Gemälde hat er auch Platini gekauft und hält ihn sich wie ein Kunstwerk. Alle Spieler der französischen Mannschaft sind in seinen Augen wendig, lebhaft, halten den Ball geschickt, bewegen sich wie Merkur, das ist der französische Stil; aber Platini ist überall. Wenn man die Nummer 10 mit den Augen verfolgt, dann sieht man immer wieder nur ihn: er ist überall, mit seinem Genie, seiner Phantasie, seiner Schnelligkeit...

Es gibt keinen Grund, Platini zu vergöttern. Man muß ihn einfach nur lieben, diesen jungen beflügelten Mann. Und uns wünschen, daß wir viele Platinis haben werden, ganz gleich bei welchem Kampf.

Die französische Journalistin und Schriftstellerin Françoise Giroud, ehemals Staatssekretärin für Frauenfragen, im "Nouvel Observateur". Titel des Gesangs: "Platini – ein Kunstwerk".