Zunächst herrschte Jubel: "Farmsen-Berne bleibt", freute sich das Aktionskomitee, das sich Ende Mai mit einer Schulbesetzung für den Erhalt der Hamburger Gesamtschule eingesetzt hatte. Ursprünglich sollten dort keine neuen Klassen eingerichtet werden, da die Anmeldungen nicht für die Bildung von drei Schulklassen ausreichten. Mit zwölf Neuzugängen schaffte es die Gesamtschule in letzter Minute, ihr Weiterbestehen doch noch zu sichern.

Die Freude über den Fortbestand währte allerdings nur kurz. Die Schulbehörde mißtraute dem wundersamen Schülerzuwachs. Gerüchteweise war einem Mitarbeiter zu Ohren gekommen, was alsbald zum "Hamburger Schulskandal" (Hamburger Abendblatt) avancieren sollte. Sieben Namen auf der Anmeldeliste der Farmsener Gesamtschule stellten sich als frei erfunden heraus, fünf weitere angemeldete Kinder wohnten längst nicht mehr in der Hansestadt. Fridtjof Kelber, bildungspolitischer Sprecher der CDU, forderte den Rücktritt des Hamburger Schulsenators Joist Grolle, als sich herausstellte, daß es auch der Leiter einer Gesamtschule im Stadtteil Winterhude mit der Wahrheit nicht so ganz ernst genommen hatte. 19 seiner vermeintlichen Schüler entpuppten sich als Kopfgeburten, die der Pädagoge erfunden hatte, um seiner Schule das Weiterleben zu erleichtern.

Schuld an den Mogeleien, darin waren sich CDU und Grün-Alternative in der Bürgerschaft einig, sei Joist Grolle. Zwar hatte der sofort die Schulleiter vom Dienst suspendiert, doch habe der Senator ein "schulpolitiscnes Klima erzeugt, in dem vielen das erforderliche Unrechtsbewußtsein abhanden gekommen ist", fand Fridtjof Kelber. Daß der Beschluß, nur Schulen mit starker Nachfrage zu erhalten, Mogeleien eigentlich lebensnotwendig mache, meinte auch das Lehrerkollegium der Winterhuder Gesamtschule. 28 der 34 Lehrer beantragten aus Solidarität mit ihrem Schulleiter Disziplinarverfahren gegen sich selber.

Für "glasklare Verhältnisse" zu sorgen, versprach der Schulsenator daraufhin. An den 23 fälschungsträchtigen Schulen, an denen die Anmeldezahlen für die Eingangsklassen ebenfalls zwischen Februar und Juni sprunghaft gestiegen waren, blieben Nachforschungen der Schulbehörde zu seiner Erleichterung jedoch ohne Ergebnis. Die Suche nach Karteileichen soll künftig nicht zu den normalen Obliegenheiten seiner Behörde gehören. Schließlich, so Grolles Haltung zu den Scnummellisten, sei er nicht das Bundeskriminalamt: "Eine Behörde, die von vornherein auf Mißtrauen setzt, halte ich für inhuman."

Mißtrauisch mögen auch andere Länder nicht mit ihren Beamten umgehen. Wieviel Pseudoschüler in Hessen oder Niedersachsen die Schulbank drücken, um die Existenz von Schulen zu sichern, ist unbekannt, da sich die Schulbehörden allgemein auf die Unterschriften der Schulleiter verlassen. Dabei wäre etwas mehr Kontrolle beim Gerangel um die geburtenschwachen Jahrgänge vielleicht angeraten, denn hohe Schülerzahlen garantieren schließlich entsprechendes Personal und Kapital. Neu ist die Manipulation mit Zahlen anscheinend nicht: In der Hamburger Gesamtschule Farmsen-Berne mogelte der Schulleiter schon im vergangenen Jahr. Zehn der von ihm gemeldeten 76 Fünftkläßler entpuppten sich als Phantompennäler. Dörte Schubert