Und schließlich besteht noch ein von den Regierungen nicht offen ausgesprochener transatlantischer Interessenunterschied: In Europa herrscht die Sorge, die Amerikaner könnten den Ausbruch eines militärischen Konflikts auf den Alten Kontinent begrenzen wollen; in den Vereinigten Staaten hingegen überwiegt die Befürchtung, ein Konflikt, wenn er denn entstünde und nuklear eskalieren würde, ließe sich überhaupt nicht mehr begrenzen.

Vor allem hierdurch ist die Strategiedebatte über eine Verstärkung der konventionellen Abwehrkraft in Europa, damit der Zwang zu einem relativ frühzeitigen Rückgriff auf Kernwaffen vermindert wird, erst richtig in Gang gekommen. Doch in der Praxis fehlt jeder Ansatz zu Konsequenzen. Die Bundesrepublik weicht ihnen aus, die sozialdemokratische Opposition verweigert sie sogar. In ihrer Parteitags-Entschließung vom Mai lehnte sie die kon-

Weil die Sozialdemokraten eine Abschreckung durch Kernwaffen in Europa prinzipiell verdammen und dennoch nicht zu größerer konventioneller Leistung bereit sind, mußten sie sich unlängst auf einer deutsch-amerikanischen Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn massive Vorwürfe der Unterstaatssekretäre Perle (Pentagon) und Burt (Außenministerium) anhören. "Unrealistisch – oppositioneller Exzeß – nebelhaft" – das waren amerikanische Stichworte der an die Sozialdemokraten gerichteten Philippika. Umgekehrt verteidigten Brandt, Ehmke, von Bülow und Voigt die Abkehr von der bisherigen Sicherheitspolitik auch mit der grassierenden Sorge, daß von dem durch Reagan verschärften Rüstungswettlauf heute eine größere Kriegsgefahr ausgehe als von der sowjetischen Bedrohung.

Eine zunehmende Distanz zwischen Führungsmacht und Verbündeten ist freilich allenthalben zu beobachten. Nicht ein Verfall des Bündnisses ist wahrscheinlich, wohl aber die Fortdauer, vielleicht sogar die Zunahme beunruhigender Turbulenzen. Das Verlangen nach einer ausgeprägteren europäischen Sicherheitspolitik als Beitrag zu einem ausgewogeneren Interessenausgleich zwischen Amerika und Europa enthält einen richtigen Denkansatz. Am Ende jedoch läuft jeder Fortschritt in dieser Richtung auf die Frage hinaus, ob die sicherheitspolitische Annäherung zwischen der Bundesrepublik und Frankreich über verteidigungstechnische Übereinkünfte wirklich hinausreichen wird.

Helmut Schmidts Vorstoß für eine französischdeutsche politische und militärische Sicherheitsgemeinschaft unter voller Wahrung der nuklearen Autonomie Frankreichs markiert ein maximales Ziel. Da aber Präsident Mitterrand in der Tradition de Gaulles steht, heißt das für Frankreich: volle sicherheitspolitische Unabhängigkeit, keine Automatik im Falle eines Angriffs, keine Ausweitung der Schutzgarantie über das eigene Territorium hinaus. In naher Zukunft jedenfalls ist hier wohl kein tiefgreifender Wandel in Sicht.

Gleichwohl muß die Bundesregierung weiterhin versuchen, die Sicherheitspolitik im europäischen Maßstab weiter auszubauen. Nicht als Teilersatz für die Bindung an Amerika, sondern als deren Ergänzung. Denn wie ernst Kissingers Warnungen zu nehmen sind, hat der alarmierende Vorstoß des Senators Nunn deutlich gezeigt.