Von Dietrich Strothmann

Hannover, im Juli

Ist Gerhard Schröder, seit dem letzten Wochenende frisch gekürter Spitzenmann der niedersächsischen Sozialdemokraten, tatsächlich einer, der Ernst Albrecht das Fürchten lehren kann? Der "Malocher" den "Fürsten"? Jedenfalls wird es in zwei Jahren, zur nächsten Landtagswahl um Spitzenplätze und Sitze im Hannoveraner Leineschloß, eine Duell-Paarung geben wie noch selten zuvor: Der als alleinherrschender Monarch ausgewiesene Albrecht, seit 1976 unangefochtener Regierungschef, und der unverbrauchte, manche behaupten auch: unbekannte "Jungmann" Schröder, einer aus Willy Brandts hoffnungsträchtiger "Enkel"-Garde. Spannender, aufregender läßt sich vorläufig kein anderer Wahlkampf denken: nicht der von Oskar Lafontaine im Saarland oder der von Hans Apel in Berlin (beide im nächsten März), schon gar nicht der von Johannes Rau in Nordrhein-Westfalen (kommenden Mai). Die können, die werden gewinnen – und alle zusammen werden sie Gerhard Schröder zusätzlichen Aufwind verschaffen.

Aber erst im März oder Juni 1986 (Albrecht hat die Wahl, den für ihn günstigsten Termin zu bestimmen) fällt dann die wichtige, wegweisende Entscheidung darüber, ob ein "Neuling" einen "Gestandenen" aus dem Sattel zu werfen vermag (Lafontaine hat es da gegen den glücklosen CDU-Premier Zeyer weitaus leichter, sogar Apel gegen Diepgen); ob zum erstenmal wieder nach langer Zeit die SPD einen Flächenstaat zurückerobert; ob demnach im Bundesrat mit den fünf niedersächsischen Stimmen die CDU-Mehrheit gekippt wird. Im Land zwischen Wilhelmshaven und Göttingen geht es also auch um Helmut Kohl, der – das kommt für die Christdemokraten erschwerend hinzu – im übrigen Ernst Albrecht nicht sonderlich grün ist.

Eigentlich müßte dem gerade vierzigjährigen Gerhard Schröder schwindlig werden vor soviel Erwartungsdruck. Er kann es schaffen, wenn nicht im ersten Anlauf, dann nach vier Jahren als Oppositionsführer 1990. Er sagt sich aber auch, in durchaus nüchterner Einschätzung seiner Chancen und Fähigkeiten, daß er es schon früher schaffen könnte – wenn die Freien Demokraten schon beim nächsten Termin, dann bereits zum drittenmal, draußen vor der Tür bleiben, die Grünen dafür gestärkt ins Parlament zurückkehren sollten. Dann – natürlich kann in zwei Jahren noch manches passieren – bliebe Albrecht im Abseits, wenn die SPD wieder über die alte Vierzigprozentmarke kommen, die Grünen zur Unterstützung oder mindestens Duldung einer Schröder-Regierung gewonnen werden könnten. Das springende Roß, Niedersachsens unbändiges Wappentier, kann auch ausschlagen, wie 1976, als der damals weithin unbekannte Ernst Albrecht mit Leihstimmen der regierenden SPD-FDP-Koalition überraschend zum Regierungschef gekürt wurde. Warum nicht, zehn Jahre danach, noch einmal, dann in anderer Richtung?

Gerhard Schröder, kein Bruder Leichtfuß, traut sich das Amt durchaus zu, auch wenn ihm, dem neuerdings Erfolgsgewohnten, fast schon Erfolgsverwöhnten, manchmal etwas bange wird vor den süßen Trauben, die in erreichbarer Höhe hängen.

Zu jung? Manche in Ehren ergraute Sozialdemokraten machen ihm das zum Vorwurf. Aber Volker Hauff war 37 Jahre alt, als er in Helmut Schmidts Kabinett geholt wurde, Rainer Offergeld gerade 40, Jürgen Schmude knapp 41 Jahre alt.