Die nur knapp vereitelte Entführung les in London lebenden nigerianischen Exil Politikers Umaru Dikko wird von Großbritannien dem Militärregime in Lagos angelastet.

Wäre Nigeria nicht im Commonwealth und könnte es nicht im Opec-Öl-Laden ein großes Wort führen, seine gesamte Londoner Botschaft wäre längst heimgeschick worden. So aber tappen die Briten auf Katzenpfoten umher, wie skandalös der Menschenraub der letzten Woche auch gewesen sein mag. Daß er verhindert wurde, ist ein Wunder.

Der ehemalige Transportminister des afrikanischen Staates mag kein Engel sein. Hat er sich nur halb so bereichert, wie das neue Militärregime les Generals Buhari behauptet, dem war er ein ungewöhnlich korrupter Politiker. Umaru Dikko führte im scheinbar sicheren London die Exil-Nigerianer an, die dem Regime seines Schwagers, des gestürzten Präsidenten Shagari, nachtrauern.

Aber auch Mr. Dikko ist ein Mensch, und Menschen überfällt man nicht am hellichten Tag vor ihrer Wohnung. Man sperrt sie nicht in einen Lieferwagen und spritzt ihnen kein Pentathol, schon gar nicht in den Killerdosen, die man Dikko verabreichte. Da hockte er nur in der mit Kindermatratzen leidlich komfortabel ausgestatteten Kiste, die ihn als "Diplomatengepäck" nach Lagos spedieren sollte. Empfänger der Ladung laut Begleitpapiere das Außenministerium von Nigeria. Mitreisender in der gleichen Kiste und Handhaber der Kanülen: ein israelischer Söldner. Kopfgeld: unbekannt.

Die Entführer landeten in London am Mittwoch mit Nigerian Airlines. Sie mußten lokale Helfer haben (zwei Nigerianer sind inzwischen mitbeschuldigt), denn eine von Leibwächtern rund um die Uhr geschützte Person, den meistgesuchten Mann in Nigeria, am Donnerstag entführen und ihn schon am Freitag aus dem Land schaffen zu wollen, das kann man nicht aus der Ferne planen. Unmittelbar nach der Schießerei vor der libyschen Botschaft in London, bei der die Polizistin Yvonne Fletcher zu Tode kam, ist das nigerianische Bubenstück eine freche Herausforderung, Man wollte wohl einen Mann, der zuviel wußte, auch über den heutigen Machthaber, mundtot machen, weil ein offener Prozeß in Lagos zu gefährlich wäre – so sehen es die Briten.

Nigeria behauptet offiziell, nichts gewußt zu haben. Das glaubt in England kein Kind. Die Kiste war ursprünglich – so Innenminister Brittan vor dem Unterhaus – an die nigerianische Hochkommission in London gerichtet. Wenn man ihm zuhörte, hätte man glauben können, die Liebe zwischen London und Lagos sei auf lange Zeit suspendiert. Aber "höhere Gesichtspunkte" obwalteten wohl. Böse Israelis haben nunmehr für schnöden Lohn ein dreckiges Geschäft riskiert und sind gescheitert. Darauf läuft es hinaus. So bekämpft man erfolgreich den internationalen Terrorismus, den Frau Thatcher soeben in Fontainebleau beim EG-Gipfel ausmerzen zu wollen mitgeschworen hat.

Karl-Heinz Wocker (London)