Britische Bergarbeiter wollen die Regierung stürzen, und Margaret Thatcher will die Macht der Gewerkschaft brechen

Von Michael Schwelien

Sheffield, im Sommer

Für ein paar Stunden machte britisches Ritual das Kampfgeschehen vergessen. Als der Leichenwagen mit den sterblichen Überresten von Joe Green in den Friedhof von Pontefract einbog, verstummte die Blaskapelle. Ein einzelner Duaelsack-Pfeifer stimmte das schottische Lamento Flowers of the Forest an. Beim Vaterunser beteten die meisten der hundert eng in die Kapelle gedrängten Kumpel laut mit sogar Arthur Scargill, Präsident der Bergarbeitergewerkschaft, ein ehemaliger Kommunist, bewegte, wenn auch lautlos, die Lippen. Über 8000 hatten Joe Green das letzte Geleit gegeben. Der 55jährige Green war, als er vor den Toren des nahen Kraftwerkes Ferrybridge friedlich Streikposten bezog, von einem schweren Lastwagen überrollt worden.

Die Leiche war noch nicht eingeäschert, da hatte Scargill die Sprache schon wiedergefunden. "3000 Festgenommene, 1000 Verletzte, einige davon schwer, zwei Getötete – der Preis, den wir zahlen, ist hoch." Zu hoch?

Wollte "King Arthur", der nach den Feierlichkeiten den trauernden Bergarbeiterfrauen würdevoll die Wange zum Kusse bot, eingedenk des zweiten Toten in diesem härtesten Streik der britischen Nachkriegsgeschichte klein beigeben, gar höhere Einsicht walten lassen? Mitnichten: "wir schulden es Joe Green und David Jones (dem ersten Todesopfer), diesen Kampf zu gewinnen."

Der Streik, der am 12. März 1984 ausgerufen wurde, sollte also andauern. Just zwei Tage vor dem Begräbnis hatte Scargills Gegenspieler, der Vorsitzende der staatlichen Kohlenbehörde National Coal Board (NCB), Ian MacGregor, auf seine Weise angeheizt. In einem persönlich gehaltenen Brief an die 182 000 "lieben Kollegen" schrieb er: "Ihre Zukunft ist bedroht... der Streik kann bis zum Dezember dauern oder sogar länger." MacGregors kaum verhüllte Absicht: Er wollte einzelne Bergarbeiter dazu bewegen, der Gewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM) die Solidarität aufzukündigen. Aus dem Rinnsal von Streikbrechern, die allmählich in die Zechen zurückkehrten, sollte ein Sturzbach werden. Gespaltene Gewerkschaft oder gedemütigte Kohlenbehörde – was wird nach einem Streik von vielleicht neun Monaten Dauer noch als Sieg gelten? Und wer wird die Niederlage ausbaden?