Von Manfred Sack

Nun hat André Heller in Berlin zu Ende gebracht, was er seine "Trilogie der möglichen Wunder" genannt hat – in Szene gesetzt nicht in einem malerischen Hafen und auf Schiffen, die feuerspeiend aufeinander zuschwimmen, sondern vor einem geschichtsbeladenen, von schrecklichen Feuersymbolen gezeichneten Gebäude, dem Reichstag. Auf dem Platz davor hatte Ernst Reuter in flammenden Reden die Welt aufgerufen, ihren Blick auf das geteilte, standhafte Volk der Berliner zu lenken; jetzt umzingelt die Mauer dicht dahinter die Stadt. Wo Feuer so viele schlimme Erinnerungen weckt, hatte der Wiener André Heller Geschütze postieren lassen, "die mit Schönheit gefüllt" waren, und ein leuchtendes, lärmendes Schauspiel veranstaltet: Schießt nicht aufeinander, sondern zündet die Feuer zum Vergnügen!

Das erste der (ursprünglich) drei für möglich erachteten Wunder war (1976) der Zirkus Roncalli, "ein circensisches Spektakel"; es hat sich von seinem Urheber längst gelöst und wird, wo immer sein Zelt aufgeschlagen ist, gefeiert und geliebt. Das zweite Wunder war (1981 und 1982) Flic Flac, "ein poetisches Varieté"; es ist nur noch Erinnerung. Das dritte dieser Wunder ist, nein: war das Feuertheater mit der Klangwolke, eine Show von "Flammenrevuen und Pyroskulpturen", ein halbstündiger "Augenblick mit einem Hauch von Ewigkeit". Er kostete fünf Mark Eintritt auf der Wiese, zweihundert auf der Tribüne.

Er hatte Zehntausende von Fremden nach Berlin gelockt und Hunderttausende auf die Beine gebracht, hat die Hotels überfüllt, Unterhaltungen um ein ergiebiges Thema bereichert, die Geschäftswelt mobil gemacht. Schnell wuchs dem Spektakel ein langer Schwanz von anderen "Sommernachtsträumen": Im Metropol gibt es Benjamin Brittens Shakespeare-Oper; der Kurfürstendamm hat sich zur Kulturmeile erklärt und Bilder und Plastiken in die Läden geholt; hundertfünfzig Drehorgelspieler von weither hatten ihr Fest und lärmten mit unbekümmerter Inbrunst; ein Autohändler erkannte die Gelegenheit, einen Verkäufer mit dem plötzlich passenden Namen zu präsentieren: "Herr Heller zum Thema Feuerwerk: Ein Feuerwerk, dieser Wagen ..." So versteht man auch, daß André Heller nicht nur den Senator für kulturelle Angelegenheiten zum Auftraggeber hatte, sondern auch den für Wirtschaft und Verkehr.

Für den Künstler aus Wien war es das dritte "Rufzeichen des Phantastischen" und eine neue Gelegenheit, seinem magischen Drang zu folgen, "alles mit mir zu besudeln". Er verstehe natürlich, daß er manchen Leuten auf die Nerven gehe, aber sollte er nur deswegen alle seine "Pläne für die nächsten dreitausend Jahre" unterdrücken? Und Pläne obendrein, die zu verwirklichen es ihn dränge? "Träume", sagt er, "müssen Realität werden."

Ich weiß, daß das "Feuertheater mit der Klangwolke" über dem langen, seiner Länge wegen schlecht geeigneten Platz der sehr originelle Versuch war, nicht bloß ein verschwenderisches Feuerwerk zu zünden, sondern mit brennenden Bildern "eine Geschichte zu erzählen", ein Märchen von heute, und dazu Raketen abzufeuern, bengalische Lichter zu zünden, glitzernde Funken zu regnen, einen silbernen Wasserfall – achtzig Meter hoch, zweihundert Meter breit – zu inszenieren. Es sollte funkeln, zischen, knallen und knattern, fauchen und rauchen, leuchten, strahlen, schimmern und bersten und Figuren wie Gesichter malen – man fühlt schnell den Rausch, das Ereignis mit Wörtern zu malen.

Der Autor hat mir sein Feuertheaterstück erzählt, ich habe darüber viel im Programmheft erfahren, nur: gesehen habe ich das Schauspiel nicht – obwohl doch nur 200 000 Eintritts-Buttons verkauft worden sein sollen, für 50 000 Zuschauer weniger, als der Platz der Republik ertrüge; obwohl doch 600 Ordner ernsthaft und sanft zu ordnen versuchten. Die Polizei, die sich überaus höflich zeigte, nannte am anderen Morgen mehr als die doppelte Menge, fast eine halbe Million.