Von Esther Knorr-Anders

Die Situation ist bekannt: Der Schmerz setzt plötzlich ein. Wird innerhalb einer Stunde unerträglich. Tabletten lindern, wenn überhaupt, nur eine begrenzte Weile die Qual. Man weiß, der Übeltäter muß raus. Man wußte es schon lange. Längst hätte man den Zahnarzt aufsuchen sollen. Man hätte – aber man hat eben nicht. Doch jetzt wächst der Wille zur Tat. Es wächst der notwendige Heldenmut. Held wird niemand aus Vergnügen; wohl aber aus Verzweiflung. Die Hand auf die geschwollene Wange gepreßt, stürzt man zum Telephon. Kühl verkündet die Tonbandstimme, daß der Arzt in Urlaub sei. "In dringenden Fällen ist der Vertreter..." Entsetzt legt man auf. Der Schmerz, der beim Wählen der Rufnummer eigentlich nachließ, schießt ins Zahnfleisch. In Urlaub! Der bekannte, halbwegs vertraute Arzt. Diese Welt ist nie ganz in Ordnung, jetzt jedoch enthüllt sie ihren ureigenen Charakter: ein Katastrophen-Stern. Einen fremden Zangenmeister zu konsultieren, das kommt dem Blindsprung in ein Schwimmbecken gleich, dessen Wasser seit geraumer Zeit abläuft. Ich überlege. Zu wem könnte ich gehen? Wer käme für mich in Frage? Kein Menseh kennt mehrere Zahnärzte. Einer allein entzückt ausreichend das Gemüt.

Ich rufe Freundin Katharina an. Sie ist Polin, durch Heirat Deutsche. Von Beruf Bakteriologin. "Spaltpilze" vermögen sie nicht zu erschrecken. Ein Zahnarzt sehr wohl. Ihre Nerven sind nicht stabiler als meine. Diese Gemeinsamkeit vertieft die Freundschaft. Unvorstellbar, daß sie einen gefühlsrohen Weißkittel an ihre Zähne ließe. Prompt sagt sie: "Du weißt, wie feinfühlig wir sind. Geh zu J.P., därr ist bekannt bei Hysteriker. Viele Hysteriker gehen zu J.P.; Kinstler, Intellektuelle. Ist ein Geheimtip. Das weiß ärr aber nicht. Wenn du sitzt, leg Ellboggen so, daß du ihm in Lebber boxen kannst, falls Angst kommt oder weh tut. In Lebber boxen hält er nicht aus bei Arbeit. Särr sensibler Mann. Mach schnell. Mach gut. Eiterzahn ist Wettlauf mit Zeit."

Da kein Zweifel besteht, mich der Gemeinschaft der Hysteriker zurechnen zu müssen, drehe ich die Wählscheibe, Eine weibliche Stimme zwitschert: "Kommen Sie sofort. Wir werden sehen, was wir für Sie tun können?" Daß dieser Zauberklang bereits der psychischen Aufbereitung diente, erfuhr ich viel später.

Wohin ich blickte, gefühlsneutrales Beige bietet sich dem Auge. Klubsessel laden zur Entspannung ein. Usambaraveilchen und Monstera deliciosa wachsen um die Wette. Durch die Räume schwebt Georg Philipp Telemann. Das heißt, die Klänge seines Trompeten-Konzertes umlullen den Ankömmling. In einem Sessel sitzt ein älterer Mann. Er liest Zeitung. Kein Geräusch dringt aus den Behandlungszimmern. Kein Knurren, kein Stöhnen. Ich trete vor den Spiegel. Täusche ich mich? Die Wange ist entschieden schmaler geworden. Nichts klopft und pocht. Bin ich zu voreilig in die Praxis gestürmt? Ein wenig ziehe ich die Lippe weg. Wenn da nicht dieses fadendünne, gelbliche Rinnsal wäre... "Eiterzahn ist Wettlauf mit Zeit". Ich setze mich. Der Senior faltet die Zeitung zusammen.

"Muß er raus?" fragt er leise.

"Wahrscheinlich."