Der Senior nickt bedächtig. Neigt sich zu mir. Seine Stimme klingt begütigend. "Sie werden mir glauben: Auch ich hatte einst 32 gute Kameraden. Einer nach dem anderen verabschiedete sich. Mancher war dem Zucker zum Opfer gefallen. Ich esse gern Süßes. Einer überstand einen zähen Rinderbraten nicht. Zwei kippten um, als ich einen Tubenverschluß mit ihrer Hilfe öffnen wollte. An den meisten nagte die Zeit. Von den beiden letzten trennte ich mich mit Überlegung. Ich ließ sie gemeinsam ausheben, denn unser Herz ist unberechenbar. Beim Verlust des allerletzten Zahnes würde es unnötiger Trauer verfallen. Man sollte es diesem Einzel-Abschied nicht aussetzen. Denken Sie daran. Trauen Sie meiner Erfahrung."

Seit Sekunden klopft und pocht es wieder. Ebensolange bewundere ich des Seniors tadelloses Gebiß. Zwei Klammern sind sichtbar. Der Kamerad neben dem Goldzahn steht geringfügig schief. Will der Senior mich foppen? Das kann keine Vollprothese sein. Er klemmt die Zeitung unter den Arm. Erhebt sich. "Ein Meisterstück, ja? Die Stellung der Natursteine wurde exakt wiedergegeben. Der Goldzahn allerdings war meine Idee." Eine Assistentin erscheint. Sie bittet den Senior, ihr zu folgen. "Druckstelle", höre ich ihn noch fauchen. "Man könnte auch sagen, der linke Backenzahn will sich nicht an Zucker gewöhnen." Die Tür klappt zu. Freund Heinz fällt mir ein...

An einem Sommerabend hatte er mir die Geschichte seiner "ersten Brücke" erzählt. Beflügelt von der Vorstellung, eine Brücke werde zum festverankerten, nicht herauslösbaren Bestandteil des Gebisses, war er, nach mehreren Anläufen, zum Zahnarzt gefahren: "Ein Trapez müsse es sein, wurde mir eröffnet. Frage nicht, was ein Trapez im Mund zu suchen hat, ich weiß es selbst nicht. Aus Gold sollte es gefertigt werden. Gold verhalte sich am schleimhautfreundlichsten. Mit irgendwelchen Säuren hänge das zusammen. Am Trapez also sollten die neuen Zähne hängen, und keinem Menschen würde das auffallen. Ich ließ mich auf die Sache ein. Wochenlang dauerte es. Allmählich schmeckte alles, was ich aß, nach rosa Abdruckmasse. Der Zahnarzt, dieser Klempner, zeigte kein Mitgefühl. Dann war es soweit: eine Brücke! Sie paßte! Leider paßte die Zunge nicht mehr. Außerdem ließ sie sich herausnehmen. Die Brücke, meine ich. Ich hielt das Goldwunderwerk samt Zähnen in der Hand. Das gab den Schock. Das Monstrum legte ich der Gis (Ehefrau) auf den Tisch. Völlig versteinert riet sie mir, es unverzüglich einzusetzen. Da bekam ich keine Luft, konnte nicht atmen. ‚Ich brauch’ kein Trapez, ich bin nicht beim Zirkus, bin beim Fernsehen’, schrie ich. Die Gis unterdrückte eine Bemerkung. Ich rückte dem Klempner auf den Pelz. ’Passen Sie auf, warnte ich ihn, ‚ich will das Gebilde nicht länger zwischen den Fingern haben. Zementieren Sie mir die Zähne ein. Mit Beton oder Stuckmarmor, was weiß ich. Drinbleiben müssen sie’ – Er hat es gemacht. Noch heute hält er mich für verrückt..."

Im Wartezimmer soll der Patient genügend Zeit haben, um verschnaufen zu können. Jedoch nicht allzuviel Zeit. Ängste verhalten sich wie Geier. Von fern streichen sie heran und lauern der Einsatzminute entgegen. Die Assistentin tritt zu mir. "Schon?" frage ich. Sie strahlt. Ob sie abends Teller gegen die Wand feuert? Zum Ausgleich für das vielstündige, unentwegte Lächeln?

Sie bringt mich ins Behandlungszimmer. Ich lasse mich in den Stuhl gleiten. Die Serviette wird mir um den Hals gekettet. Antonio Vivaldi hat Telemann abgelöst. Maurice André trompetet sich die Seele aus der Lunge. Es nützt nichts. Selbst Äolsharfen würden mich nicht ablenken. Die Hände werden weiß. Zur Heldin bin ich nicht gehören. Eine deprimierende Erkenntnis.

Eingehend betrachte ich den "Notfall"-Schrank. Verwunderlich vollgepackt ist er. In einer Praxis, der Hysteriker in hellen Scharen zuströmen, hätte ich Holzhammer und Kognakflasche als Nothilfemittel vorzufinden erwartet. Unbeirrt setzt die veiße Fee ihr Beruhigungswerk fort. "Die Spritze brauchen Sie nicht zu fürchten. Hinten in der Backe befindet sich eine winzige Öffnung. Da wird die Spritze angesetzt. Das Analgetikum beraubt die Hälfte des Unterkiefers."

Unglückseligerweise holt das Gedächtnis ein längst vergessenes Wartezimmer zurück. Jeder der Leidensgefährten bemühte sich, schneller zu zittern als sein Nachbar. "Drei, vier, fünf Zähne können mit Leitungsbetäubung gezogen werden. Es heißt, die purzeln nur so heraus. Wenn er aber aufzuhören vergißt?" keuchte einer...