Ich nickte. Sein Ausdruck verschließt sich. Der Mann wirkt, als befände er sich allein auf dieser Welt.

"Wir können jetzt. Es geht sehr schnell." Die Assistentin reicht ihm das Gerät so, daß es meinem Blick verborgen bleibt. Nun denn... Ich kneife mir in den Schenkel. Ein Ablenkungsmanöver. Was für die Injektion galt, muß auch für die Extraktion gelten. Hoffentlich spüre ich nichts. Zweimal war es böse gewesen.

"Fertig."

Er legt die Zange ab. In ihr klemmt der Zahn. Gerade gewachsen. Erstaunlich schmal für den verursachten Schmerz. Einer von 32 Kameraden.

Zum Gespräch führt mich J.P. in die nahe Nobelkneipe. Unweit der Bar ist ein Tisch frei. "Mensch und Zahn" ist unser Thema: Nie wird sich die Angst des Patienten vor dem Zahnarzt gänzlich bannen lassen. Der Zahnarzt seinerseits ist nicht viel besser dran. Erstklassige Horror-Patienten erscheinen stets mit schmerzverzerrtem Gesicht und blasen – nach der Behandlung – alle Warnungen in den Wind. Frohgemut setzen sie sich, noch unter Wirkung der Spritze, ans Steuer, zünden die entbehrte Zigarette an und vertilgen wenige Minuten später das vorsorglich eingesteckte Schinkenbrötchen. Manche gehen allzu sorglos mit der Prothese um. Wollen sie locker sitzen haben und verschlucken sie eines Tages mir nichts, dir nichts. Grauen beschleicht den Arzt. Denn nun muß gewartet werden. Auf die natürliche Wiederkehr. "Drei Tage hat es gedauert", erzählt J.P., "täglich rief ich die Patientin an. Als sie endlich in die Praxis stürzte, riß ich ihr die Kostbarkeit aus der Hand. Sterilisierte ausgiebig. Sie wollte sich kaputtlachen."

Furchterreger sind ferner die "eisernen" Patienten, die sich schmerzunempfindlicher als die übrige Menschheit wähnen – und es womöglich sind. Gewöhnlich zählen männliche und weibliche Senioren zu ihnen. Sie begehren, Zähne ohne Betäubung gezogen zu bekommen. Ein verächtliches Gähnen überfällt sie beim Anblick des schlotternden Arztes. "Nehmen Sie sich zusammen, Herr Doktor, zeigen Sie Mut", fordern sie und spüren, daß "ich die Zange kaum halten kann."

Erhebliche psychoanalytische Kenntnisse setzt die Behandlung von Patienten mit Katastrophen-Phantasie voraus. Diesen Ungeheuern muß jeder Handgriff erklärt werden, um der vollen Entfaltung ihrer speziellen Begabung vorzubeugen. Aber selbst dort, wo der Laie es nicht vermutet, blickt der Zahnarzt in seelische Abgründe. Es gibt Ehegatten, die nicht voneinander wissen, ob und wann sie einen Zahnarzt aufsuchen, geschweige, daß sie zufällig den nämlichen wählten. Schwierigkeiten bei Terminvereinbarungen sind dann die Folge. Anrufen kann man keinen von beiden. Sie würden Lunte riechen. Die Hypersensibilität solcher Gatten beruhe auf den erogenen Zonen im Munde, erläutert J.P., zarte Empfindungen können durch Brücken und Klammern beeinträchtigt werden. Um das Maß voll zu machen, erführe der Zungenkuß Qualitätsminderung. "Wer gibt das vor sich und dem anderen gegenüber gern zu? Es berührt den Lebensnerv."