Von Wilfried Kratz

In Le Mans blieb Jaguar, die Prestigemarke der britischen Automobilindustrie, beim ersten Rennstart seit zwanzig Jahren ohne Sieg; an der Börse soll das Unternehmen nach zehnjähriger Pause nun einen besseren Start haben als auf dem französischen Rundkurs, denn Jaguar macht seit zwei Jahren Gewinne. In der Londoner City erwartet man noch im Juli den Prospekt, mit dem das Publikum zur Zeichnung von Jaguar-Aktien aufgefordert wird, deren Wert auf optimistische 250 Millionen Pfund geschätzt wird.

Schon allerdings gibt es Kritik. Der Industrie-Ausschuß des Unterhauses warnt, "ein solcher Verkauf könnte in hohem Maße nachteilig sein für die mögliche Privatisierung des Rests von British Leyland". Das jedoch wird lndustrieminister Norman Tebbit, der Herr ist über 99,7 Prozent der Jaguar-Muttergesellschaft British Leyland(BL), nicht stoppen. Für die konservative Regierung Thatcher, die seit langem die Privatisierung von staatlichen Unternehmen und Diensten als wichtigen Teil ihrer gesamten Wirtschaftspolitik verfolgt, hat "die Rückgabe von Jaguar an den privaten Sektor", wie der Slogan lautet, eine symbolische Bedeutung. Denn BL und die Autoindustrie schlechthin waren kennzeichnend für den industriellen Niedergang des Landes und sein Unvermögen, industrielle Großproduktion zu betreiben. Leyland wurde geradezu zum Sinnbild der "Englischen Krankheit" und trübte den Ruf Großbritanniens im Ausland. Nicht neue Produkte, technische Neuerungen und Absatzerfolge machten Schlagzeilen, sondern Streiks, Gewerkschaftsprobleme, schlaffes Management, geringe Produktivität und Qualitätsmängel. Die Privatisierung von Jaguar als erste Rate des geplanten Verkaufs des ganzen BL-Konzerns soll unterstreichen, daß sich robuster Thatcherismus auszuzahlen beginnt.

Mit dem Verkauf von Jaguar beginnt auch die "Entflechtung" von British Leyland, später verschämt zu BL abgekürzt. BL war über Jahrzehnte hinweg durch Zusammenfassung von Pkw- und Lastwagenherstellern zu "dem" nationalen britischen Automobilkonzern zusammenfusioniert worden. Vor zehn Jahren mußte das Konglomerat durch Verstaatlichung vor dem Bankrott gerettet werden, danach schrumpfte der Konzern auf die Hälfte seiner einstigen Größe. Vor allem Labour-Regierungen folgten der Devise "größer ist besser" und förderten die Konzentration durch finanzielle Zuschüsse. Danach war es üblich, nur wenigen Auto-Giganten in Europa eine Überlebenschance zu geben. Jetzt ist die Gigantomanie aus der Mode, klein aber fein heißt die neue Devise.

Jaguar gilt als reif für die Privatisierung, obwohl die Gesellschaft erst 1982 wieder in die Gewinnzone gekommen ist und zwar mit einem Profil von 9,6 Millionen Pfund vor Steuern aus einem Umsatz von 314 Millionen Pfund. Im vergangenen Jahr gingen die Geschäfte jedoch schon erheblich besser und Jaguar machte bei einem Umsatz von 476 Millionen Pfund einen Gewinn vor Steuern von 50 Millionen Pfund. Für das erste Quartal 1984 wird der Gewinn sogar auf 18 Millionen Pfund geschätzt bei einem Umsatz von 143 Millionen Pfund.

Der Sport- und Luxuswagenhersteller allerdings wäre wohl längst vom Markt verschwunden, wenn er als Teil des BL-Konzerns nicht die großzügige Rückendeckung des Staates gehabt hätte. Die Betriebe in Coventry waren überbesetzt, die Produktion wurde häufig unterbrochen. Das Auto, das einmal Triumphe auf den Rennstrecken gefeiert hatte, fiel technisch hinter die Konkurrenz zurück. Klagen über die schlechte Qualität häuften sich.

Qualitätsmängel waren denn auch das erste Problem, das der 44jährige John Egan anpackte, als er vor vier Jahren Chef von Jaguar wurde. Mit dem Schlagwort "auf Anhieb richtig" suchte er die Belegschaft für Perfektion zu begeistern. Er stellte häufig Vergleiche mit BMW und Mercedes-Benz an, ließ Produkte dieser Konkurrenten auseinandernehmen und die Teile auf Qualität und Leistungsfähigkeit untersuchen. Er setzte Zulieferern Qualitätsvorgaben. Wer den neuen höheren Standard nicht erreichte, wurde gekündigt. Die Belegschaft in Coventry wurde reduziert. 1980 stellten 10 500 Leute gerade 14 000 Autos her. 1983 produzierten 8 000 Arbeiter 28 000 Fahrzeuge.