Von Christoph Bertram

Wenn nicht alles täuscht, werden die beiden Weltmächte Ende September in Wien zu neuen Gesprächen über atomare Rüstungsbegrenzung zusammenkommen. Zwar sperren sich beide Seiten zur Zeit und versuchen, in öffentlicher Diplomatie eine günstige Ausgangsposition zu sichern. Aber damit haben sie sich zugleich in eine grundsätzliche Zustimmung hineinmanövriert, die Präsident Reagan nur mit großen Wahleinbußen und Parteichef Tschernjenko nur mit großem internationalem Prestigeverlust wieder aufkündigen könnte.

Was hat zu dieser Wende geführt? Ende Juni legte Moskaus Botschafter in Washington, Anatoli Dobrynin, Außenminister Shultz einen Vorschlag auf den Schreibtisch: Die Sowjetunion sei bereit, im September mit den Vereinigten Staaten in Wien zusammenzukommen, um die Militarisierung des Weltraums zu verhindern und ein Verbot von Anti-Satelliten-Waffen auszuhandeln. Am 29. Juni machte die sowjetische Presseagentur Tass den Vorschlag publik.

Es war – mit Ausnahme der Präzisierung: Wien im September – eigentlich kein neuer Vorschlag. Schon seit April1983 hatte die sowjetische Führung vor der Militarisierung des Weltraums gewarnt – angestoßen gewiß auch durch jene "Krieg der Sterne"-Rede RonaldReagans vom März 1983, in der der amerikanische Präsident die Vision einer Welt entworfen hatte, in der Atomraketen durch wirksame Abwehr unschädlich gemacht werden könnten. Im August 1983 wurde Moskau konkreter: Parteichef Andropow erklärte amerikanischen Senatoren die sowjetische Bereitschaft, mit den Vereinigten Staaten über die Abschaffung vorhandener und das Verbot neuer Anti-Satelliten-Waffen zu verhandeln. Zugleich kündigte er ein einseitiges Moratorium an, "das so lange dauern wird, wie andere Staaten, auch die USA, von der Stationierung jeglicher Art von Satelliten-Abwehr-Waffen im Weltraum absehen".

Sein Nachfolger in der Kreml-Führung, Konstantin Tschernjenko, griff am 12. Juni den Gedanken auf. In einem Interview für die amerikanische Hearst-Zeitungsgruppe, das von Tass veröffentlicht wurde, bestätigte der sowjetische Staats- und Parteichef nicht nur das Moratorium, sondern fügte hinzu: "Es gilt, unverzüglich eine Einigung über diese Fragen zu erzielen, solange es im Wettlauf bei Weltraumwaffen noch nicht zu einem Spurt mit unkalkulierbaren Folgen gekommen ist."

Moskaus Sorge ist verständlich. Zwar besitzt die Sowjetunion heute als einziges Land eine Anti-Satelliten-Waffe: Ein Raumkörper wird mit einer Rakete in die Nähe eines Satelliten geschossen und explodiert dort; seit 1971 haben die Sowjets dieses schwerfällige System mindestens 20mal getestet. Aber Amerika schickt sich wieder einmal an, die sowjetische Technologie zu überspringen: Nach den Plänen der Air Force soll ein F-15-Kampfflugzeug eine kleine Rakete in die Umlaufbahn feindlicher Satelliten schießen, die dann den Trabanten ausmacht und ihn durch ihre Aufprallgeschwindigkeit ausschaltet. Im Herbst soll dieses System, das schon Anfang des Jahres vorerprobt wurde, ernsthaft getestet werden. Mitte Juni kündigte das Pentagon zudem an, es sei zum erstenmal gelungen, eine Minuteman-Rakete noch außerhalb der Atmosphäre mit einer einzigen Rakete vom Erdboden aus zu zerstören – ein Auftakt zum "Krieg der Sterne"?

Die Sorge, ins Hintertreffen zu geraten, erklärt wohl nicht allein, warum die Sowjetunion am 29. Juni in Washington ihren Vorschlag machte – obwohl sie sonst seit Monaten so beharrlich alle Verhandlungen über Rüstungskontrollen ablehnt, solange die westliche Nachrüstung nicht eingestellt sei. Aber für die Vertreter der harten Linie in Moskau mag das Risiko, die Amerikaner könnten auf den Vorschlag eingehen, gering erschienen sein. Denn wie sehr Präsident Reagan und dem Pentagon an den neuen Weltraumtechnologien und ihrer durch Rüstungskontrolle ungestörten Entwicklung gelegen ist, hatten Reagan und seine Berater nie verschwiegen. Am 2. April 1984 noch hatte Reagan den beiden Häusern des Kongresses geschrieben: "Ich glaube nicht, daß es nützlich wäre, in formelle Verhandlungen (über Anti-Satelliten-Waffen) einzutreten." Der Grund: Es sei nicht möglich, die Einhaltung eines etwaigen Abkommens ausreichend zu überwachen. Sein wissenschaftlicher Berater, George Keyworth, war noch deutlicher geworden: "Für die nächsten paar Jahre oder mehr wollen wir keine Verhandlungen, um unser Programm zunächst auf Hochtouren zu bringen."