Von Petra Kipphoff

Ein Traktor fährt durch den wohlgepflegten Park, der Anhänger beladen mit sorgsam aufgerollten und verschnürten und ebenso sorgsam gestapelten Grassoden. Er hält an einer Rabatte, und ich frage den Fahrer, welche Arbeit von welchem Künstler hier noch installiert werden soll. Fehlanzeige: hier wird Rasen verlegt, und nichts als das. Dabei hatte meine Phantasie durchaus keine Bocksprünge gemacht: auf der documenta 6 hatte es in Kassel ein (kaum wahrnehmbares Rasen-Kunststück von Richard Fleischmann gegeben). Aber das war im weitläufigen Auepark, der wie zufällig in die Landschaft übergeht und die Grimmschen Märchenwälder in der blaugrünen Ferne schon ahnen läßt. In Basel dagegen steht man im Merian-Park, einem ehemaligen Sommersitz mit einem Gutsgebäude, einer kleinen Villa und einem Englischen Garten, der heute teilweise zum Botanischen Garten geworden ist. Verirren oder gar verlieren kann man sich hier nie, überall blinken und winken die Skulpturen und lassen keine Zweifel daran, daß man hier an einem Ort der Kultur und nicht der Natur ist. Das war bei den beiden großen Vorgängerinnen dieser Ausstellung sehr anders: 1980 hatte die Skulpturen-Ausstellung im Basler Wenkenpark durch räumlich größere Ausdehnung zum einen und sperrige Arbeiten wie dem großen Eisenring von Bruce Nauman zum anderen Natur und Kunst in einen fruchtbaren Widerspruch zueinander gebracht. Und die erste große aus dem Museum durch die Stadt ins Grün wandernde Ausstellung überhaupt, "Skulptur" 1977 in Münster, hatte die Frage von Skulptur, Raum, Umraum und Landschaft völlig neu gestellt und wunderbar verblüffende Antworten präsentiert.

In Basel beginnt man (anders als 1980, wo man nach guter alter Art mit Rodin, dem sanktionierten Vater der Moderne den Anfang gesetzt hatte) mit den Künstlern der Rodin-Nachfolge, denen, sich die Frage des Illusionismus gar nicht mehr stellte, die vielmehr die Skulptur als plastisches Äquivalent der Realität begriffen. In diesem Zusammenhang waren Realitätszitate wie Blech, Draht, Glas oder Holz für sie ebenso Material der Kunst wie der Raum Teil des plastischen Volumens (für Brancusi war Skulptur sowieso die Essenz aller Dinge, wie nicht zuletzt der Titel seiner Arbeit "Le commencement du monde" andeutet), Die Ausstellung beginnt also nicht mit Picassos berühmtem "Frauenkopf" von 1909, dem schichtweise addierten Portrait seiner Freundin Fernande, das als die Inkunabel des Kubismus gilt; sie beginnt mit Picassos "Gitarre" von 1925, einer Kopf- und Hand-Arbeit aus geschnittenem, gefaltetem und geklebtem Karton; und sie beginnt mit dem Nebeneinander der Gegensätze der Gleichaltrigen: neben Picasso also Wilhelm Lehmbrucks Jünglingsbüste von 1913, ein Psychogramm der Sensibilität, planetenweit entfernt von Picassos neugieriger Experimentierfreude.

Die Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen: in der rustikalen Holzarchitektur des ehemaligen Gutshauses zeigen die Skulpturen von 1906 bis circa 1940 in der Tat einen Umbruch der Kunst mit einem Auseinanderbrechen in die Kontraste, wie es ihn so vorher noch nicht gegeben hatte. Hier Boccioni mit seinen stürmisch futuristischen Formen von Fortschritt und Bewegung, dort Barlachs allein der psychischen Dynamik geltende Explosivität, hier die den Raum als Spannungszone entdeckenden Konstruktivisten, dort die surrealen Puppenträume des Hans Bellmer; hier Duchamps dadaistische Ernennung des Flaschentrocknens oder Urinoirs zum Kunstwerk, dort Brancusis von, wie Henry Moore es sagte, allen Überwucherungen freigelegte Urform, in der Schöpfung und Skulptur eins werden. Der Reichtum dieser Zeit ist unermeßlich. Wenn er im Basler Gutshaus eher etwas eingeebnet wirkt, so liegt es gewiß nicht an den Exponaten selber, sondern daran, daß es hier einer sehr durchdachten Inszenierung bedurft hätte, um diese Kontraste fruchtbar gegeneinander auszuspielen. So, wie die Skulpturen einfach eng an eng nebeneinander oder einander gegenüber stehen und sich dabei oft optisch ins Gehege Rommen, ist diese Art von Erlebnis und Qualität! weitgehend ihrer Spannung beraubt,

Der Park draußen gewährt selbstverständlich mehr Raum, mehr Auslauf, mehr Blickfreiheit Und natürlich ist auch in diesem Ausstellungsgrün, genau wie 1980 im Wenkenpark, das mühselig rostige Knirschen und Stöhnen der großen Altmetallungeheuer, von Bernhard Luginbühl die konkurrenzlose akustisch-optische Attraktion Den Hügel hinauf und die Wiese herunter; kann man stillere, nicht weniger schöne Entdeckungen machen: Duchamps-Villons schwarz-patinierte Bronze "Le cheval majeur" im grünen Gras, Wotrubas marmorweiße "Große Skulptur" vor einer Rotbuche, Max Ernsts zartgliedrige "Mondspargel" hochstengelig am Rand eines kleinen Teichs emporwachsend, Grahams Doppelpavillon aus transparentem Spiegelglas, das die Spaziergänger hereinzieht, bricht und wieder in die seltsam sektionierte Landschaft entläßt. Daneben aber auch dann Nippes, der sich in der Landschaft noch rascher als solcher entlarvt: von Mimmo Paladino eine hohe Bronzeplatte mit figuralen Motiven, ein schlechter Witz zu Rodins großem Höllentor-Vorbild; oder von Tony Cragg, sonst als kleinteiliger Meister des Plastik-Alltagsmülles bekannt, übereinandergetürmte Steine mit draufgesetztem Granithäuschen.

Der Galerist Ernst Beyeler und die Kunsthistoriker Reinhold Hohl und Martin Schwander, die für beide Basler Skulpturen-Ausstellungen die Last der Verantwortung getragen und nun schon zweimal eine große Arbeit auf sich genommen haben, sehen mit der diesjährigen Ausstellung ihre Arbeit als abgeschlossen an. Das ist, denkt man an die beiden insgesamt so gelungenen Ausstellungstaten in einem so besonders komplizierten Gebiet, sehr bedauerlich. Denn gerade von diesem im internationalen Künstlerbetrieb nicht verschlissenen Team würde man sich eine Fortsetzung wünschen, die durch einen neuen Ansatzpunkt auch noch andere Linien nachzeichnen würde. Der Begriff Skulptur hat sich in den letzten Jahrzehnten so verändert und erweitert wie kein anderes der traditionellen Genres. Und Picassos im Katalog zitiertes Wort, demzufolge die "Skulptur die Kunst der Intelligenz" ist, könnte noch vielfältig und mit Gewinn überprüft werden. (Merian Park bis zum 30. 9.)