Es sollte städtisch sein und europäisch wirken, es sollte alles bieten und ein Fest sein: „Public Relations für den Film und das Kino schlechthin“, wie Eberhard Hauff, der Leiter des Filmfestes München, im Jahrbuch Film erklärte. In diesem Jahr erwies das Kolloquium des europäischen Regieverbandes, (F.E.R.A.), zudem, daß es angesichts der neuen Medien „schlechthin“ um die Manifestation des Kinos ging. Man forderte gegen die Übermacht des Hollywood-Imperiums wieder einmal Einigkeit und Protektionismus. Der Präsident der F.E.R.A., Peter Fleischmann, führte zum Überangebot der Programme auf allen Kanälen eine „Ökologie des Bewußtseins“ ins Feld, das selber noch unterentwickelt ist. Es wurde gestritten, behauptet und verabschiedet, Verwaltungsprosa aufgesetzt und Schroffheit abgesetzt. Die kühnste Vision von den filmvereinigten Staaten Europas kommt aus französischen Ministerien.

Die Filme, die liefen, zeigten einen anderen Befund: Statt der harmonischen Anpassung, wie sie Förderungsgremien fordern, eine aggressive Vielfalt, wie sie Gremien nicht belohnen. Je brutaler sich ein Film bestimmt, desto europäischer wirkt er. Christopher Petits „Flucht nach Berlin“ ist ein internationaler Film, der seinen Schauplatz als Zutat mitnimmt, ohne sich für ihn zu interessieren. Edgar Reitz’ Serie „Heimat“ ist ein Film, der ein Dorf im Hunsrück mit der Welt verknüpft. Der eine Film bekundet Weltniveau, der andere Erfahrungen im Abseits. „Flucht nach Berlin“ erinnert ständig an andere Metropolen-Filme von Hitchcock bis Wenders.

„Heimat“ erinnert an nichts, das man schon kennt. Das macht den Film einmalig, unverwechselbar.

Auch im Abseits entstand der österreichische Film „Raffl“, in dem Christian Berger von einem Verfemten erzählt, der um des Friedens willen in Tirol Andreas Hofer verriet. Heimat ist hier ein Raum, der Luis Trenker und die von ihm besetzten Berge durch strenge Reduktion einmal vergessen läßt. Raffl ist eine in die Schuld getriebene Existenz, und die Alpen erheben sie nie aus der Geducktheit. Lois Weinberger, der Darsteller dieses Außenseiters, ist Bildhauer und steht das erste Mal vor der Kamera. Seine Gesten spiegeln die soziale Enge wider, in der es den Anspruch auf Glück nicht gibt. Einmal springt Raffl vor Freude durch den Schnee. Da hat er gerade seinen „Judas-Lohn“, ein Essen bei den Franzosen, erhalten. Einmal lacht er, da hat er, ins Exil getrieben, einen Freund gefunden. Der Abschiedsblick gilt seinen abgelegten Kleidern, in denen nichts mehr als das Heimweh steckt. Der Verräter rollt sich wie ein Embryo ins Bett und verstummt. Das ist ein Heimatfilm, dessen, Sehnsucht nicht exportfähig ist, dessen Überzeugungskraft in der Radikalität des fragmentierten Bildes liegt. Der Realismus krallt sich hier in die Materie ein.

Das Unverwechselbare ist die Körpersprache. Sie verortet, noch vor aller Kameraarbeit, eine Figur mit ihrem Umfeld. Da ist das Schlendern der jungen Männer in Lina Wertmüllers Erstlingsfilm „I basi-Uschi“, die mit den Händen in den Hosentaschen überlegene Haltung der sozial schon Unterlegenen demonstrieren; sei es die aufgedrehte Überschußgestik der jungen, wegen ihrer Ausbeutung im Altersheim protestierenden Polen im Film „Der Schrei von Barbara Sass. Hier geht eine Frau geschmeidig durch die Türen, als solle ihr federnder Gang die rechten Winkel einer Männerwelt verbiegen. Die Putzhilfe triumphiert als Tramp. So wie sie geht keine. Eine Frau erfindet sich. Sie mag keine Bleibe, keine Heimat habend aber ihr gehört die Straße.Cunha Teiles, dessen Film „Meine Freunde“ (1974) eine vorrevolutionäre Entdeckung Portugals darstellte, macht in seinem jüngsten Film „Überleben“ keine Entdeckungen mehr. Die streunende Jugend, das Drogenproblem, die Großstadt bei Nacht werden zu einem Werbefilm für Diskotheken montiert, der nicht einmal kommerziell gesehen taugt. Die Räume sind ebenso wie die Körpersprache uniformiert. Ob diese Kinder am Bahnhof Zoo oder in Lissabon lungern, spielt keine Rolle. Der Rausch verblödet sie und den Kameramann.

Wie man sich Gesten vom Vorbild abguckt und daraus komödiantisch, schnell und heiter Kapital schlägt, führte das Debüt „Kolp“ von Frank Roth und Roland Richter vor. Ein Schüler in der Schwarzmarktzeit will sich die traumhafte Lässigkeit seines amerikanischen Freundes anerziehen. Er scheitert aber letzten Endes im Prozeß der Anverwandlung. So gewinnt dieser Film – von Super 16 zum 35 mm-Format mit erstaunlicher Bildqualität aufgeblasen – eine eigene Spannung. „Kolb“ rast frech durch alle Genres, ohne je seinen Schauplatz an der Bergstraße aus dem Blick zu verlieren.

„Heimat“, der Film von Edgar Reitz, war unstrittig der Höhepunkt des Filmfestes. „Heimat“ war ein Filmfest in sich selbst. Es dauerte, in zwei Blöcken präsentiert, 16 Stunden, erzählte das Leben einer Großfamilie im Hunsrück, von 1918 bis 1980, mit 28 Hauptdarstellern, 5 000 Laiendarstellern in 28 km montiertem Zelluloid. Das klingt wie eine Materialschlacht im Hollywood-Epos, ist aber in Wahrheit die deutsche Herausforderung amerikanischer Serien wie „Dallas“ und „Holocaust“ in einem, was der Wahrheit stärker entspricht als eine Aufteilung in Politik- und Familienserien. In seinem Buch „Liebe zum Kino“ (soeben im „Verlag Köln 78“) erschienen, schreibt der Regisseur: „Es gibt in unserer deutschen Kultur kaum ein ambivalentem Gefühl, kaum eine schlimmere Mischung von Glück und Brutalität als die Erfahrung, die hinter dem Wort .Heimat’ steht.“

Dieser Film – als Serie von der ARD von September an ausgestrahlt – löst das Tabu, das auf dem Wort und seinen politischen Vibrationen lag. Seit der Philosophie Ernst Blochs hat kein Medium so eindringlich Heimat ohne Chauvinismus reklamiert wie dieser Film, der dem Glück und der Brutalität, den guten wie den schlimmen Wünschen Raum gibt, ohne ihnen die Freiheit der Beliebigkeit zu geben. Heimat ist immer ein Schauplatz der Durchdringung mit Ambivalenten, die um keinen Preis zu unterdrücken sind. Es sei denn, den der realen Gewalt, des Faschismus. Das zeigte der Zarah-Leander-Film „Heimat“, der in diesem Film nicht bloß ironisch aufgegriffen wird.

Edgar Reitz, der selber aus dem Hunsrück stammt, sucht nicht die ihm entglittene Heimat. Er erfindet sich ein Dorf, das Schabbach heißt und dort die Welt bedeutet. Wie kommt Welt ins Abseits? Der Weltkrieg kommt und nimmt Soldaten. Der Krieg ist vorbei und bringt nur einen Soldaten zurück, den Heimkehrer. Der schläft vor Erschöpfung ein. Die Heimgebliebenen erzählen sich den Krieg. Paul, der Sohn des Schmiedes, sitzt in der Gemeinschaftsküche an den Holzpfeiler gelehnt. Das wird im Verlauf der Geschichte der mythische Ort, von dem aus die Heimkehrer wieder in die Fremde aufbrechen. Dort treffen sich später Großvater und Enkel wieder: der eine wanderte nach Amerika aus, der andere wird in die Metropolen auswandern, um Komponist zu werden. Der Platz am Pfeiler bietet eine kurze Bleibe.?

Die Vernetzung des Dorfes mit Deutschland erfolgt durch die Elektrifizierung und den Bau einer Straße. Die verbindet Bunker mit Bunker, die den Westwall bilden. Allein der Transport der Waffen ruiniert die Straße, noch ehe der Krieg es schafft. Der Bau bringt Menschen aus Sachsen, aus Hamburg und München nach Schabbach. Das Dorf wird zur Drehscheibe für das, was unverrückbar schien, die Tradition. Die Dialekte und die Vorurteile vermischen sich. Das Dorf wird Schauplatz für alle, die große Politik aus zweiter Hand erfuhren.

Die – Mitläufer, Befehlsempfänger, die aufgeblähten kleinen Nazis, die tüchtigen Baumeister der Restauration, aber auch die unauffälligen Widerständler, sie tauchen in „Heimat“ auf, ohne zur Karikatur zu verkommen. Das gelingt in großer Form dadurch, daß Reitz das Pathos, das die deutsche Geschichte ausschwitzt, mit Witz abkühlt. Wenn die verliebte Hure aus Berlin im Hunsrück sich entzückt: „Eduard, ick liebe sie, deine Heimat!“ dann folgt ein Schnitt nah auf den Jauchewagen. Die Heimat ist. ländlich, der Witt ist urban. Das „falsche“ Bewußtsein wird hier nicht in den Strafraum der Vernunft gestellt, sondern mit kritischer Liebe sich selber ausgeliefert. Niemand sucht nach der verlorenen Heimat. Die Nostalgie erhält ihr Fett und keine freie Bahn. Im Lauf der Zeit wird mit dem Vieh die Tradition des Dorfes verkauft. Der Alltag wandelt auf den Speicher der Antiquitätenhändler. Was Heimat war, wird Allerweltsschauplatz. Da gilt es keine Klage der Romantik.

Reitz lenkt durch seinen Film den Wärmestrom der Geschichte. Das macht dieses Unternehmen zu einem seltnen Glücksfall. Als Kehrseite des Glücks hatte Reitz die Brutalität genannt. Die ästhetische Gewalt, wie sie vom Schluß des Films ausgeht, hat viele Zuschauer verletzt, die sich zum „Fest der Lebenden und der Toten“ eingeladen fanden, und, wie das ganze Team der Darsteller, von den Figuren keinen Abschied finden konnten. Aber nur durch diese schockhafte Trauer am Schluß wird eine Distanz zum Wortfeld „Heimat“ möglich.

Diese Schlußvision ist notwendig schmerzhaft. Ohne sie würde Reitz „Heimat“ einer dringend ersehnen, aber zu billigen Versöhnung ausliefern. Der fiel der Film nicht anheim. Karsten Witte