Ach, Sie wohnen mitten in der Altstadt? Nein, wie romantisch." Man kennt das. Da halten die Busse, weil die Gassen sowieso zu schmal sind, draußen vor dem Tor – und herein strömen die Touristen aus Ohio und Gelsenkirchen, ausgewiesen als Nicht-Hiesige durch Kamera, Führer und Freizeitblick. Sie zeigen sich begeistert – das Dach so schief, die Fenster so klein, Blumenkästen statt Balkon. Und dann hasten sie weiter, haken ab, was zu sehen sein soll, und reisen zurück in ihr Reihenhaus mit Fernwärme und Wasserhähnen mit Mischbatterie.

Zurück aber bleibt der Altstadtbewohner. Ein Mensch, der in erster Linie einer Erkenntnis opfert – daß nämlich das Leben nicht dazu da ist, leichtgenommen zu werden. Und so hat er mit den Widrigkeiten seiner Behausung zu leben gelernt. Regnet es, stellt er Schüsseln auf. Zieht es, verstopft er die Ritzen der undichten Fenster mit Wolldecken, und kommt die Heizung wieder einmal gegen die dicken Mauern nicht an, trägt er drei Lagen Rheumawäsche. All die Unzulänglichkeiten sind ihm vertraut wie ein Loch in der Hosentasche.

Derart beschäftigt, bemerkt er viel zu spät, daß er ins Visier der Stadtväter geraten ist. Warum? Aus schlechtem Gewissen vermutlich: Nachdem sie "nicht sanierungsfähige Bausubstanz" (ergo: die schönsten Häuser) abgerissen, krumme Straßen begradigt und die Kastanien gefällt haben, stellten sie erschrocken fest, daß ihre Stadt unter tödlicher Auszehrung litt. Seither wird; der verbliebene Rest Altertümlichkeit als der Sitz der Seele beschworen – Kommunalpolitiker sitzen ihr auf der Brust und beatmen sie wie eineSchwerkranke.

Das merkt der Altstädter an zweierlei. Zum einen findet er alle vier Wochen eine neue Broschüre in seinem Briefkasten, gleich, ob er nun in Nördlingen oder Lindau, in Lübeck oder Ingolstadt wohnt. Die erläutert ihm als "Betroffenen" (er nickt) die neuesten Vorhaben zur "flächenhaften" (was nichts anderes bedeuten kann als riesenhaften) Verkehrsberuhigung. Zwischen zahlreichen Skizzen und spärlich erläuterten Aufrissen ranken sich Versprechen: "Der Wohnwert Ihres Quartiers wird damit entscheidend verbessert." Bitte sehr. Freilich – wer den Altstädter besuchen will, muß gut zu Fuß sein. Denn lange schon darf das Auto nur noch auf den eigens ausgewiesenen Parkflächen vor der Stadtmauer abgestellt werden. Kinder, alte Menschen und Behinderte hat der Altstädter daher aus seinem Bekanntenkreis gestrichen.

Zum anderen aber kommt der Sommer. Mit ihm die Vergnügungen, die sich die Stadtväter (zwecks Wiederbelebung – siehe oben) ausgedacht haben. Und fortan erlebt der Altstädter, ob er will oder nicht, den fortgesetzten Tanz auf den Straßen. Schützenfest, Weinfest, Volksfest, Altstadt-Gaudi, Kirchweih, Mai-Dult, Plärrer – es ist ein Wechsel der ewiggleichen Vergnügungen. Aufmarsch, Parade und Blasmusik sind ihre unerläßlichen Ingredienzen, deren un(frei)williger Zeuge jeder wird, der eben in der Nähe wohnt. Mitfeiern? Er hätte bald genug davon. Beim Aufwachen vernimmt der Altstädter bereits, wie unten der Tanzboden zusammengezimmert wird. Kurz darauf, noch vor dem Frühstück, wird ihm übel von den beißenden Geruchschwaden der Würstlbrater. Den Rest des Tages begleitet ihn schmissiges deutsches Liedgut, live vorgetragen von wechselnden Blasmusikkapellen, von "Geh’n wir mal rüber" bis zu "Rosamunde" und den "Blauen Bergen"; und abends wälzt er sich schlaflos, weil vor seinem Haus der Gemütlichkeit noch immer ein Prosit nach dem anderen gesungen wird.

Wer soll das ertragen, Wochenende für Wochenende? Die Festwelle reißt alles mit sich und bricht womöglich gar die Widerstandskräfte des an sich zähen Altstädters. So kann es passieren, daß er sich doch noch anderswo eine komfortable Etagenwohnung sucht, um vor den Wohnwertverbesserungen der Kommunalpolitiker fortan sicher zu sein. Und die Altstadt? Sie ruht dann wieder in Frieden – abgesehen von den Festzeiten freilich menschenleer.

Anna von Münchhausen