Wenn überhaupt jemand zufrieden nach dem Ende der Spielzeit des Bonner Parlaments in eine wohlverdiente Sommerpause abtreten dürfte, dann wären es die Grünen. Sie waren fleißige Abgeordnete, haben die Regierenden mit kleinen und großen Anfragen in Trab gehalten; ihre Freunde draußen im Lande waren strahlende Sieger, ob in Kommunen, ob im Ländle oder für Europa – die ganze vertraute Machtverteilung haben sie durcheinandergebracht und sich zur dritten Kraft gemausert.

Die Grünen könnten also wirklich die Früchte des Erfolgs ein wenig genießen. Doch was tun sie? Statt den schwülen Bonner Sommer zu fliehen und den lieben Gott eine gute Frau sein zu lassen, rotieren sie, rotieren um ein dickes unverdauliches Ei, das sie sich selbst als Wegzehrung wider die Versuchung der Macht kredenzt haben. Sie rotieren um die Rotation.

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Was macht die bitter enttäuschte Petra, was der schwer beleidigte Roland? Der Zeitpunkt naht, da sie und überhaupt die ganze Fraktion nach zwei Jahren ihren Platz im Plenum für die Nachrücker räumen sollen. So hat es die Partei beschlossen, so soll es durchgezogen werden. Mittlerweile wider bessere Einsicht, denn auf allen grünen Ebenen greift die Erkenntnis um sich: Rotation ist "töricht" (Otto Schily). Aber prinzipientreu und im Glauben, beim grünen Wähler im Wort zu sein, will man den "Sprengsatz" (Joschka Fischer) einmal zünden – und danach wohl die Rotation zu Grabe tragen.

Die Landesverbände haben unerbittlich gesprochen; die Hessen, die Niedersachsen, der Hamburger und der Berliner in Bonn haben sich ohne zu murren dreingegeben. Nicht so Petra Kelly und Roland Vogt, der beleibte Friedensfaster. Petra Kellys Bayern haben ihr schnöde die Bitte verweigert, ausnahmsweise bleiben zu dürfen; auch Vogt ist bei seinen Rheinland-Pfälzern abgeblitzt und mault nun. Bis zum Wochenende hat sich Petra Kelly Bedenkzeit ausbedungen, Roland Vogt gar bis zum Ende der Sommerpause.

Werden sie den Spielregeln folgen? Bange Tage für die Bonner Grünen. Denn von der Antwort der beiden Widerspenstigen hängt das Überleben der Grünen als Fraktion ab. Kelly und Vogt könnten ihr, wie weiland der General Bastian, den Rücken kehren und das Mandat mitnehmen – eine mittlere Katastrophe für die Grünen: Sie verlören mit weniger als 25 Abgeordneten den Status einer Fraktion, das heißt: Geld und Vertretung in den Ausschüssen. Die halsstarrigen Außenseiter könnten auch einfach bleiben, wo sie sind. Würde die Fraktion es tolerieren, um zu überleben? Darüber ist man sich durchaus nicht einig. Aber kann die Partei ihre Abgeordneten Kelly und Vogt zur Rotation zwingen? Das widerspräche dem Grundgesetz. Abgeordnete sollen allein ihrem Gewissen folgen. Schon hat der niedersächsische CDU-Landtagspräsident Brandes den Finger auf diese wunde Stelle gelegt. Er will die Grünen in Hannover – die deswegen allerdings schon den Staatsgerichtshof bemühen – nicht so einfach rotieren lassen. Rechtsexperten sollen befinden und seine Kollegen in anderen Bundesländern und in Bonn. Ist das etwa die Lösung des grünen Familienproblems? Rainer Barzel, amtliche Vaterfigur aller Bonner Parlamentarier; spricht ein Machtwort? Margrit Gerste