Jeden Mittwoch um 16.00 c.t. findet sich im Raum 230 des "Pferdestalls", wie der Bau genannt wird, in dem das Institut für Politische Wissenschaften der Universität Hamburg untergebracht ist, eine Gruppe von Studenten zusammen, um über sicherheitspolitische Fragen zu diskutieren.

In Anbetracht der Auseinandersetzungen um den Nato-Doppelbeschluß, um Rogers-Plan und AirLand-Battle, um alternative Verteidigungskonzepte und Weltraumrüstung, scheint dies, zumal am Fachbereich Politische Wissenschaften, nicht weiter erwähnenswert. Sicherheitspolitik ist – zur Freude der einen, zum Bedauern der anderen – zum Gegenstand öffentlicher Diskussion geworden. Die Behandlung des Themenkomplexes auf der akademischen Ebene erscheint selbstverständlich, ja obligat.

Dennoch, bei näherem Hinsehen offenbaren sich dem Beobachter einige Besonderheiten. Das Seminar ist, im Vergleich zu den hoffnungslos überfüllten Veranstaltungen am Fachbereich, relativ klein. Die Zahl der Teilnehmer bewegt sich um die zwanzig. Die Atmosphäre ist privat, man kennt sich. Wer hier mitmacht, bleibt dem "elitären Sicherheitshäuflein", wie boshafte Kritiker mitunter das Seminar zu bezeichnen pflegen, meist über mehrere Semester hinweg treu.

Auch die Zusammensetzung der Gruppe unterscheidet sich von der sonstiger Veranstaltungen. Studentinnen und Studenten der Volkswirtschaftslehre, der Geschichte, der Jurisprudenz und der Psychologie sind ebenso stark vertreten wie Hauptfachpolitologen. Die immer wieder erhobene Forderung nach Wiederbelebung des "Studium generale" und verstärkter interdisziplinärer Zusammenarbeit ist hier bereits Realität.

Dabei ist die Teilnahme am Seminar für die Mehrzahl der Studenten zunächst einmal mit zusätzlichem Arbeitsaufwand verbunden. Der für erfolgreiche Teilnahme ausgestellte Schein ist für Nicht-Politologen "nutzlos", Politikstudenten genügt eine einmalige Teilnahme, um die Anforderungen der Prüfungsordnung zu erfüllen. Was also bewegt Studierende im Jahre 1984, denen man gemeinhin einen Hang zur "Dünnbrettbohrerei", das heißt eine an der Zweckrationalität des Schein-Erwerbs orientierte Arbeitshaltung nachsagt, sich mehrere Semester lang intensiv mit Grundfragen von Sicherheit und Frieden auseinanderzusetzen?

Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage liegt, abgesehen von eisern grundsätzlichen Interesse am Thema, bei einem Mann, der diese Veranstaltung seit 1968 an der Universität anbietet; dem scheidenden wissenschaftlichen Direktor des Instituts, Professor Wolf Graf von Baudissin.

Man kömmt aus Neugier. Einfach weil der Name reizt, mit dem sich Begriffe wie "Innere Führung" und "Kooperative Rüstungssteuerung" verbinden; weil man den Mann einmal sehen möchte, der für die Betonung des Prinzips "gleicher Sicherheit" und für sein Insistieren auf "Empathie" bekannt ist.