Im Jahr 1967 nahm Wolf Graf Baudissin seinen Abschied von der Bundeswehr. Er war zuletzt als Generalleutnant stellvertretender Chef des Generalstabs der Nato gewesen. Ein Jahr danach erhielt er einen Lehrauftrag der Hamburger Universität für moderne Strategie, und drei Jahre später wurde er in der Hansestadt Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, das jetzt in einem unerfreulichen Gerangel an einen Nachfolger übergeben wird, der dabei keine sehr gute Figur gemacht hat.

Für Ende Oktober des Jahres 1968 war seine Antrittsvorlesung angesagt. Neugierig, wie es wohl sein werde, wenn ein General eine Vorlesung hält, ging ich damals in die Universität, um an diesem Ereignis teilzunehmen. Der Hörsaal war gerammelt voll, es herrschte eine überraschende Stille, und nichts deutete auf die folgenden Ereignisse hin.

Pünktlich zur angesetzten Stunde trat Baudissin ans Katheder und begann: "Ich habe den Lehrauftrag der Universität..." Weiter kam er nicht, denn augenblicklich schrien alle durcheinander: "Wer hat Sie darum gebeten?" "Wir brauchen keine Strategie." "Wir wollen nichts hören." "Schluß, Schluß", und so weiter. Ein General – und noch dazu ein Graf –, der zu allem Überfluß über Strategie lesen wollte, das war offenbar zuviel.

Baudissin stand lässig an die Balustrade gelehnt, die das Podium gegen den Hörsaal offenbar und blickte gelassen, ohne ein Zeichen von Arger, Ungeduld oder Zorn auf die lärmenden Studenten. Nachdem sich während etwa zehn Minuten diese Situation in keiner Weise veränderte, verließ er wortlos den Hörsaal.

Ich konnte eigentlich beide verstehen, sowohl den Lehrbeauftragten, der meinte, die Erfahrungen und Einsichten, die er in seinem Leben gewonnen hatte und die ja nicht nur militärischer, sondern auch politischer und diplomatischer Natur waren, in die politische Wissenschaft einbringen zu sollen – wie auch die Studenten, die nicht einsahen, warum da ohne ihr Zutun und Wissen ein, wie sie meinten, neues und ihrer Meinung nach gänzlich überflüssiges Fach geschaffen worden war.

Ich war ganz sicher, daß beide Seiten Gefallen aneinander finden würden, wenn es nur gelänge, die Vorurteile zu beseitigen. Darum machte ich den Vorschlag, die ZEIT werde eine ihrer Seiten zur Verfügung stellen, die je zur Hälfte vom General und von den Studenten gefüllt werden könne. Der General solle schreiben, was er unter moderner Strategie versteht und warum sie wichtig ist, und die Studenten sollten begründen, warum sie davon nichts wissen wollen. Und so geschah es: Zur zweiten Vorlesung lag auf jedem Platz im Hörsaal die ZEIT mit den ausgedruckten Artikeln.

Baudissins Begründung: Die politische Wissenschaft würde den notwendigerweise unwissenschaftlich vorgehenden Praktikern das Feld überlassen, auch würden zukünftige Diplomaten, Journalisten, Lehrer mit unvollkommenem Werkzeug ausgestattet, wenn sie die politischen Aspekte der Strategie aus ihrem Bereich ausschlössen. Es ging ihm, das wurde deutlich, nicht in erster Linie um das Militärische, sondern um die nicht-militärischen, politischen Faktoren, die in der modernen Kriegsführung und vor allem für den darauf folgenden Frieden eine so entscheidende Rolle spielen.