Mengele, der Nachwuchsforscher

Wie Professor Eugen Fischer zum Symbol des bedeutenden alten Gelehrten wurde, der seine Intelligenz dem Nationalsozialismus lieh, so wurde Dr. Dr. Joseph („Beppo“) Mengele zum Symbol des jungen Humanwissenschaftlers, dessen Intelligenz im Nationalsozialismus mißbraucht wurde. Mengele hatte eine anthropologische Doktorarbeit an der philosophischen Fakultät in München angefertigt und dann eine zweite an der medizinischen Fakultät in Frankfurt. Als Professor Otmar von Verschuer Nachfolger von Professor Fischer in Berlin wurde, war Mengele bei der SS. Er arbeitete kurze Zeit als Gast im Kaiser-Wilhelm-Institut bei Professor von Verschuer. Als Mengele nach Auschwitz versetzt wurde, beantragte Professor von Verschuer Geld für ihn von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. In dem Antrag heißt es:

Als Mitarbeiter in diesem Forschungszweig ist mein Assistent Dr. med. et Dr. phil. Mengele eingetreten. Er ist als Hauptsturmführer und Lagerarzt im Konzentrationslager Auschwitz eingesetzt. Mit Genehmigung des Reichsführers SS werden anthropologische Untersuchungen an den verschiedensten Rassengruppen dieses Konzentrationslagers durchgeführt und die Blutproben zur Bearbeitung an mein Laboratorium geschickt.

Der Antrag wurde von Professor Sauerbruch genehmigt. Die Blutproben wurden später im Kaiser-Wilhelm-Institut für Biochemie von einem Gast und Stipendiaten der Deutschen Forschungsgemeinschaft analysiert. Alle Anthropologen, die ich fragte, äußerten sich positiv über Mengele: intelligent, freundlich, harter Arbeiter, Lieblingsschüler von Professor von Verschuer, lauteten die Aussagen.

Durch Zufall lernte ich einen Arzt und Nichtanthropologen kennen, der von sich sagen konnte, Mengele sei seit 1931 sein bester Freund gewesen. Er erzählte, daß Mengele 1940 zu den Gebirgsjägern ging. Aber dort habe ihn ein Vorgesetzter dermaßen schikaniert, daß er die einzige Möglichkeit zur Versetzung benutzte: zur SS zu gehen. Ich habe Mengeles wenige publizierte Vorkriegsarbeiten gelesen. Sie sind so, wie die Arbeiten von jungen Wissenschaftlern üblicherweise sind. Von dem, was er in Auschwitz erarbeitete, ist nichts erschienen. Eine Arbeit über die verschiedenfarbigen Augen einer siebenköpfigen Zigeunerfamilie, deren Mitglieder in einer Auschwitzer Krankenbaracke gleichzeitig starben, erreichte als Manuskript gerade noch den Referenten. Sie wurde nicht mehr gedruckt.

Mengele hat an der Rampe von Auschwitz Hunderttausende für die Gaskammer ausgewählt – der Prozeß der Selektion war ja das Privileg der humangenetisch gebildeten Lagerärzte. Sein jüdischer Sklavenassistent Dr. Nyizli hat ein – leider nicht ins Deutsche übersetztes – Buch über seine Tätigkeit bei Mengele geschrieben. Auch er beschreibt Mengele als intelligent. Mengele war, wie einer meiner Gesprächspartner sagte, der Typ des durchschnittlichen deutschen Habilitanden. Nicht jeder dieser Habilitanden hatte das Unglück, nach Auschwitz versetzt zu werden. Andere nahmen die vakanten Professuren für Humangenetik nach dem Krieg ein. Mengele befindet sich irgendwo auf freiem Fuß. Professor von Verschuer, zum Mitläufer eingestuft und zum Ordinarius nach Münster berufen, ist tot. Wenn er nach Mengele und Auschwitz gefragt wurde, hat er gesagt, da habe er nichts mehr mit ihm zu tun gehabt.

Die meisten Naturwissenschaftler, mit denen ich mich unterhielt, nahmen – wohl aus Selbstachtung – an, es sei nichts, rein gar nichts herausgekommen bei diesen experimentellen Arbeiten. Nichtnaturwissenschaftler dagegen befürchteten, es sei Bedeutendes herausgekommen, das heute überall angewendet würde. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Ich muß hier allerdings gestehen, ich bin der Frage nicht besonders intensiv nachgegangen. Hier sind einige Fall-Beispiele:-