In diesen Wochen machen Tausende von Jungen und Mädchen ihr Abitur. Wie üblich, werden aus diesem Anlaß auf den Schulen viele Reden gehalten oder wird Nachdenkliches für die Festzeitschrift geschrieben. Johannes Bartuschat, Abiturient eines Hamburger Gymnasiums, (Berufsziel: Journalist oder Lehrer) verfaßte für die Abiturzeitung einen Beitrag, in dem er Rückschau auf die Schulzeit hält: "Wir haben versäumt, uns zu entdecken." Claudia Menge, Abiturientin im bayerischen Deggendorf, dachte über die Zukunft nach: Die Alten, befürchtete sie in ihrer. Entlassungsansprache, werden den jungen Menschen erst dann Verantwortung übertragen, wenn sie selbst vor Umweltschutz und Kriegsgefahr kapituliert haben.

Wir dokumentieren den Artikel und veröffentlichen einen Auszug der Rede.

Endlich haben wir es geschafft: Wir siebenunddreißig verlassen als Abiturienten die Schule. Nun zerstreuen wir uns in alle Winde, sehen uns nur gelegentlich oder auch gar nicht wieder. In besondere Trauerstimmung hat uns das nicht gerade versetzt: Wir stehen dem gelassen gegenüber.

Wer waren wir, die wir neun Jahre lang Tag für Tag zusammen waren? Was wird aus uns werden? Als jeder von uns ein Berufsziel angeben sollte, kamen fast nur Ratlosigkeit und Verlegenheiten als Antworten. Weder das Sich-Weiter-Bilden im Studium noch das tätige Leben in Beruf, Politik und Gesellschaft scheinen uns besonders zu faszinieren. Also sind wir alle schwankende Träumer? Wohl kaum! Für Schwärmerei hätten wir vermutlich nur ein spöttisches Lächeln übrig.

Vielmehr charakteristisch ist, daß uns Enthusiasmus abgeht, Idealismus erst recht. Bei aller humanen Grundüberzeugung fehlt uns jegliches Feuer. Das ist nicht einmal ausgesprochener Pessimismus oder weltkluge Skepsis, sondern nur Unsicherheit und Ratlosigkeit. Verzweiflung und Resignation liegen uns genauso fern wie idealistischer Kampfesmut. Unsere mangelnde Begeisterungsfähigkeit scheint nichts als fatale Trägheit zu sein. Wir sind zu müde, Sand im Getriebe der Welt zu sein, und so werden wir, ohne es zu wollen, sein Öl.

Was soll uns aus der tödlichen Trägheit reißen, wenn nicht geistiges Leben, und was hätte uns da besser dienen können als die Schule? Bedeutete unser Schulbesuch nicht, daß wir in Wissen und kritischer Reflexion eine entscheidende Chance für den einzelnen und die Gesellschaft sehen? Kamen wir zu unserer Ausbildung oder zur lästigen Pflicht? Begeisterung und Kritik, Neugier und Gedankenreichtum hätten unserem gemeinsamen geistigen Leben entspringen müssen, dem gegenseitigen Austausch.

Doch wir waren Individualisten ganz eigener Art. Wir waren tolerant zueinander, aber auch desinteressiert aneinander. Durch die lästige Pflicht zusammengeführt, sind wir nie zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen. Unsere Freundlichkeit war unherzlicn.