Von Benedikt Erenz

In einen weißen Himmel ragt schwarz auf steilem Fels die Burg Hochosterwitz. Davor auf seinem Roß der Ritter, die Lanze in den kleingedruckten Text gereckt: Erwachsene Schilling 60, Kinder die Hälfte. Nein, keine Ritter mehr in Kärnten! Keine Turniere, keine Falken, keine Taschentücher aus Zazamanc, tränennaß im funkelnden Gras. Es ist nichts, lese ich auf dem abblätternden Plakat, nur eine Reitertruppe aus England, eingeflogen für die Touristen: Vergessen Sie Ihre Photoapparate nicht!

Um halb neun am Abend sind die Kameras schon eingeschaltet, der große Saal des Landesstudios Kärnten am Rande der Klagenfurter Innenstadt ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Einen elenden Herbst, einen einsamen Winter, einen kalten Frühling lang hat sich das Volk gefreut, nun ist es soweit: Das achte Ingeborg-Bachmann-Fest kann beginnen. Die elf Juroren ziehen ein.

Die Juroren! Was für Gestalten, welche Pracht! Blitzender Geist in den Blicken, jede Geste ein Aperçu, jedes Rücken mit dem Stuhl bannender Augenblick. Ich habe Lust, sie alle einzeln zu schildern, die Zeit wird nicht reichen, nur einige Namen seien genannt: Klara Obermüller aus Zürich, Gertrud Fussenegger, Wolfgang Kraus aus Wien, Peter Härtling, Walter Jens aus Tübingen, Martin Gregor-Dellin, Walter Hinck und – er, dem wir alle hier im Saal entgegengefiebert haben, bis zu diesem Augenblick, da das Visier sich öffnet und er die Stimme erhebt. In diesem Moment weiß ich: Es werden Tränen fließen – andere aber werden am Ende glücklich sein. Das ist das Leben, das ich aus der Weltliteratur kenne, aus den Epen der Völker, im Genialen wie im Banalen tragisch und erhaben. Dankbar und hingerissen, Auge in Auge mit der Weltliteratur, hänge ich in meinem gelben Plastikstuhl und lausche seinen Worten, wie er uns mit prüfendem Blick begrüßt und den Dichtern Mut zuspricht, auch zur Urteilsschelte: "Sie haben ein Recht zu reden!" Welch ein Wort aus Kritikermunde.

Dann greift Marcel Reich-Ranicki, er selbst, in einen sehr sehr engen Krug und zieht die sehr sehr großen Umschläge mit den Namen der Autoren, und schon ist die Reihenfolge festgelegt: 26 geteilt durch 4 Tage, 4 vormittags und 4 nachmittags, der Rest am Sonntag um 17.30 Uhr das Urteil.

Die Nacht ist lau, die Schnittchen sind bereitet. Der Name Ingeborg Bachmann, gold auf weißem Grund über die Tische gespannt, versinkt in Wurst- und Gurkenkringeln. Auf der Eingangsterrasse drängen sich Verleger, Autoren, Lektoren, Journalisten, die "Beobachter". Was treibt eine Ingeborg Bachmann, einen Robert Musil nach Klagenfurt? Vielleicht Naivität, vielleicht um, bei Erfolg, ein Manuskript durchzudrücken, gegen den Verleger, den Lektor, der abriet. In jedem Fall: um dem Ruhm Beine zu machen. Der Ruhm! Und die Verleger? Dichter testen. Die Banderole ist schon fertig: Ingeborg-Bachmann-Preis 1984. Die schnelle Mark in Klagenfurt. Ober bloße Neugier. Mal sehen, wer so da ist. Vielleicht trifft man jemand Nettes. Große Erwartungen, kleine Schiebereien, Liebesgeschichten und guter Appetit. "Was bleibet aber", fällt mir ein mit vollem Mund, "stiften die Dichter."

Dreißig Minuten darf jeder von ihnen lesen, dann sprechen die Richter. Das Ritual ist eingeübt.