Von Uwe Prieser

Los Angeles

Am besten, du vergißt erst mal Europa. Du fragst nicht mehr, wieso das hier eine Stadt der Engel sein soll. Diese Autos, dieser Lärm und die Luft zum Schneiden, Und wenn es dunkel geworden ist, setzt du dich ins Auto und fährst dorthin, wo sie alle hinfahren. Es gibt eben zu viele Viertel, in die du abends nicht gehen sollst. Und dann gehst du doch hin und siehst Menschen auf den Veranden sitzen. Die Veranden sehen alle ein bißchen brüchig aus, wie die Dächer, aber du hörst die Menschen miteinander schwatzen, und hinter den Fliegengittern sind die Fenster hell, und von überallher kommt Musik. Aber es stimmt: Gestern haben sie einen Barkeeper erschossen, und es hat kein Motiv gegeben. Der Barkeeper war ein Single. Es hat sich niemand groß aufgeregt, und für die Polizei war das "business as usual". Genauso haben sie es dir in Europa erzählt. Los Angeles – eine Vorhölle der Zivilisation. Und die Engel haben vier Räder und Servo-Lenkung und spucken den schönen blauen Himmel mit dunklem Qualm voll. Aber du sagst "Los Angeles", und der Klang hört sich gut an.

Du bist mitten in der Staat, und die Stadt ist mexikanisch. "Venta" – "zapatos baratos". Hier ist das ganze Jahr über Ausverkauf, und klar, daß die Schuhe billig sind, wo so viele barfuß laufen. Aber die kleinen Mädchen haben Lackschuhe an und die entzückendsten Kleider mit steifen Rüschen und lassen sich geduldig an der Hand alter Frauen, die sehr dick sind, durch die Straßen schieben. Prinzessinnen, die staunend in das Leben schauen und die Erstkommunion erwarten. Und die Jungs sehen ernst und trotzig aus dunklen Augen und sie wissen noch nichts. Nur, daß sie die Welt erobern müssen.

Natürlich ist das gar nicht mitten in der Stadt. Nur für die Mexikaner, die hier leben. Drüben auf der anderen Seite, aber du fragst dich "andere Seite, von wo aus gesehen?", also sagen wir, mit dem Lineal einmal quer über den Stadtplan gezogen, da wohnen 200 000 Koreaner, und die wohnen auch mitten in der Stadt. Oder die Schwarzen. Einer ihrer Stadtteile heißt "Central South". Aber das ist bloß eine geographische Bezeichnung. Du stehst also hier irgendwo, und wo du stehst, ist Zentrum. Und so ist alles Zentrum – und alles Randbezirk.

So ähnlich haben sie es dir in Europa schon erzählt. Aber Europa ist schon beinahe vergessen, und vielleicht hat Jasmin ja recht. Sie ist Töpferin aus Südengland, wo alle die wunderschönen Töpfereien sind. Jasmin ist nach Los Angeles gekommen, um alle die Vasen und Krüge und Skulpturen, die sie bisher gemacht hat, zu vergessen. Jasmin sucht die neue Form, und sie wollte erstmal an den Strand von Santa Monica und in der Sonne schlafen. Über das pazifische Meer kommt immer ein ziemlich kühler Wind herüber, und ehe du es merkst, hast du dir das Fell verbrannt. Haben sie dir auch schon in Europa erzählt. Aber da hat es anders geklungen. Als ob ein Sonnenbrand in Santa Monica etwas höchst Begehrenswertes wäre. Dabei gibt es dort viel Begehrenswerteres. Aber mit Sonnenbrand macht es keinen Spaß. Du mußt Europa vergessen, es sei denn, du willst über Los Angeles einen Aufsatz schreiben, der in Europa Eindruck machen soll.

Mitten im Schrecken ist das Schreckliche auf einmal ganz normal. Also Smog. Solange der Himmel blau ist, funkeln die Glaswände der Hochhäuser von Downtown in der Sonne. Dann wird die Luft dicht, und die Wolkenkratzer werden blaugrau und immer blasser, und die Luft wird auch blaugrau und immer blasser, und auf einmal sind die Wolkenkratzer weg. Aber der gelbe kalifornische Wein in deinem Glas riecht immer noch so, wie er riechen soll, und die Wolkenkratzer gehören sowieso nicht zu Los Angeles. In Downtown wohnt ja auch kein Mensch, und nachts sind die Straßen so leer, daß du jedes Auto einzeln hörst. In den Wolkenkratzern ist das Licht abgeschaltet, und über ihren einsamen Oberkanten kannst du blasse Sterne sehen. Aber normalerweise bist du abends sowieso nicht in Downtown. Die 760 Wohnungen, die sie jetzt dort bauen wollen, damit da nicht nur Banken und Geschäfte und Versicherungen und tagsüber Menschen sind, die nach Feierabend so schnell weglaufen, daß Downtown plötzlich wie von einem Blutsturz getroffen nur noch eine leblose Hülle ist, also diese 760 Wohnungen, Wohneinheiten, interessieren bloß die Stadtplaner. Und die Vermieter. Und die Grundstücksmakler. Und die Developer. Es ist wahr, Downtown hat doch entschieden mit Los Angeles zu tun. Soll es einstweilen im Dunst verschwinden.

Wahrscheinlich mußt du das Leben gern haben, um Los Angeles gern haben zu können. Das heißt nicht, daß Los Angeles das Leben ist, aber wenn du das Leben nicht gern hast, dann hast du hier feine Chance. Du stehst im Stau auf dem Freeway, und es ist Nachmittag und heiß, und der Stau ist mindestens 20 Kilometer lang, und eigentlich ist es gar kein Stau, sondern bloß der Nachmittagsverkehr. Machst du das Fenster runter, drehst du das Radio an, und aus dem offenen Finster neben dir hörst du Elton John "turn on my heart", und du rufst hinüber "Hey, welcher Kanal?". Es ist Kanal 100, und unendlich langsam fährt links von dir eine Frau zu dir auf. Die hört auch Elton John, und du siehst hinüber und klopfst den Rhythmus mit auf dem Außenspiegel, und schon verbindet dich etwas mit ihr. Dann rickst du 20 Meter vor, und nach ein, zwei Minuten rückt sie nach. Statt Elton John singt jetzt jemand "it’s good time for the great taste". Sie sieht herüber, und jetzt bist du mit ihr schon gut bekannt. Der Song ist aber bloß ein Werbesong aus einem Commercial. Und du kannst auch nicht aussteigen, um dich mit ihr zu verabreden, und die meisten, die du in Los Angeles triffst, .müssen sowieso woanders hin als du. Ganz selten, daß mal einer dieselbe Richtung hat. Haben sie dir das nicht auch schon in Europa erzählt? Aber ja! Es hat bloß anders geklungen.