Mit einem Moskauer Reiseführer von 1903 unterwegs in deutschen Badeorten

Von Karl Schlögel

Meine Reise nach Bad Ems begann in Moskau, genauer: im Antiquariat auf der Puschetschnaja, in dem zu jeder Tageszeit Menschen an der Barriere drängen, hinter der die Kostbarkeiten – nur auf Distanz – zu besichtigen sind. "Kurier – ein praktischer Reiseführer zu den Kur- und Badeorten Europas", erschienen im Jahre 1903, stand da.

Ich schlage den Reiseführer auf. Er nimmt es peinlich genau mit der Übersicht über die europäischen Badeorte, von denen damals viele noch zu Österreich gehörten, die heute italienisch oder jugoslawisch sind. Andere sind inzwischen tschechisch, und beim Blick auf Bad Schandau oder Bad Homburg ist das geopolitische Bewußtsein gefragt; auf welcher Seite der Grenze liegt es nun? Der Reiseführer nach Westen kannte damals noch keine Grenzen, es sei denn die des Geldes. Ein Raum tut sich auf, der von Petersburg bis Biarritz, von Odessa bis Sylt reichte. Polen ist noch nicht zu durchqueren, denn es gibt zwischen russischem und deutschem Reich zu dieser Zeit noch keinen polnischen Staat. Der Führer bietet einen durchgehenden Kurswagen nach Bad Ems an, und er rät dem Moskauer von 1903, wie er sich bei seiner Ankunft dort zu benehmen habe.

Wohin fuhr der Moskauer oder Petersburger des Jahres 1903? Der Reiseführer nennt die obligatorischen, typisch deutschen Reiseziele mit den fälligen Sehenswürdigkeiten: dem Dresdner Zwinger, dem Kölner Dom, dem Rheinfall bei Schaffhausen, dem Königsee. Besonders aber die Kur- und Badeorte – fast alle von Belang sind verzeichnet: Wiesbaden, Homburg, Soden, Kreuznach, Ems, Schlangenbad, Schalbach, Aachen, Kissingen, Nauheim, Pyrmont, Neuenahr, Baden-Baden, Wildbad, Badenweiler, Wörishofen, Reichenhall und Bad Elster und Bad Schandau im Sächsischen. Und noch bevor der Reisende den Zug bestiegen haben wird, ist ihm aus Annoncen und Inseraten klar, daß er in der Fremde bei sich wird bleiben können. Hotels de Russie gibt es bereits in Berlin, Friedrichstraße, ebenso in Bad Ems, in Bad Homburg oder in Kissingen. Und er kann sich vorab informieren, so daß er auf seinen sonntäglichen Gottesdienst in orthodoxem Ritus nicht verzichten muß: Die Zeiten für Morgen- und Abendgottesdienste sind ebenso verzeichnet wie die Adressen von Kurhäusern, balneologischen Einrichtungen und Spielsalons.

Die deutschen Bäder, so aus dem Blickwinkel eines abgenutzten, aber gut erhaltenen Reiseführers des Jahres 1903 in einem Moskauer Antiquariat aus gesehen, gewinnen eine andere Kontur. Nicht, daß ich nicht vorher schon bezaubert gewesen wäre, als ich vor Jahren zufällig nach Bad Ems geraten, auf einem Bahnsteig ausgestiegen war, dessen elegante, aber leicht heruntergekommene Dachkonstruktion mir andeutete, daß hier noch eine andere Zeit am Werk ist. Bad Ems vermittelte die Ahnung, daß sich vom 19. Jahrhundert etwas ziemlich unversehrt mitten in Deutschland bewahrt habe. Nun ist Bad Ems aber etwas anderes: Zielpunkt einer Reise im durchgehenden Zug von Moskau nach Paris, mit Kurswagen.

Die imaginäre Reise ist indes doppelt imaginär, reisten doch die Moskauer des Jahres 1903 bereits auf der Spur ihrer eigenen Phantasie, einer Spur, die gelegt ist mitten durch die bedeutendste russische Literatur. Wiesbaden, Baden-Baden, Bad Ems und Bad Homburg – das waren schon damals nicht nur geographisch lokalisierbare Orte, ausgezeichnet durch warme Quellen oder heilkräftige Luft, sondern es waren literarische Topoi. Manche haben sich in eine bloße Abkürzung verwandelt, die nur dem Eingeweihten noch dechiffrierbar war, wie beispielsweise das Städtchen S. in Turgenjews Novelle "Asja", die von einer kurzen, melancholischen und entsagungsvollen Liebe handelt: S. gibt sich heute als Bad Sinzig am Rhein zu erkennen.